Leben und Tod

“Hatten Sie nie moralische Bedenken, den Tod von Menschen anzustreben und zu planen?” fragte die Therapeutin. Edith fühlte sich nicht wohl im Patientensessel aus dunklem Leder, der aussah wie aufgequollenes Backwerk und dessen Lehnen sie fast ganz umschlossen. “Darf ich aufstehen, Frau…” – “Larissa Finkenscher, mein Name. Ja, suchen Sie sich einfach eine andere Sitzgelegenheit.” Die alte Dame erhob sich und stand kerzengerade da wie eine junge Frau, ging ein paar Schritte und stand dann mit dem Rücken zur Psychologin vor dem Panoramafenster. “Um ehrlich zu sein: Als ich die erste Liste aufstellte, sie wissen schon, die mit Dump, Jaschin, Jijen und den anderen Autokraten, habe ich mir überhaupt keine Gedanken gemacht. Ja, ich habe nicht einmal ernsthaft daran gedacht, diese Monstren wirklich umzubringen.”

Larissa Finkenscher saß mit übergeschlagenen Beinen auf dem Therapeutenstuhl und machte sich Notizen. “Aber dann begann ich mich mit den wichtigsten Attentätern der Weltgeschichte zu befassen: Tyrannenmörder, Anarchisten; von Brutus bis Caserio und Princip, natürlich auch Georg Elser – eine ernüchternde Bilanz.” Die ehemalige Edda von Ditmannshausen, die unter diesem Namen vor Gericht stand, drehte sich um. “Sagen Ihnen diese Namen etwas, Frau Doktor?” – “Ich habe nicht promoviert,” gab die Psychologin zurück, “Ja, Brutus kenne ich, und von einem Elser habe ich auch schon mal gehört.” – “Das Ernüchternde war, dass die meisten politischen Morde – ob gelungen oder nicht – letztlich folgenlos blieben. Außer denen, durch die gute Leute umkamen: Martin Luther King, Robert Kennedy…” Sie hatte sich auf eine Lehne des schweren Sessels gehockt.

“Und trotzdem haben Sie die Sache weiterverfolgt.” Edith nickte. “Natürlich kam ich auch auf die RAF, also die Leute, die uns Bürgern in den Siebzigern unter dem Begriff Baader-Meinhof-Bande als gefährlich nahebrachte. Das waren ja durchaus erfolgreiche Attentäter, wobei ich nicht darüber urteilen möchte, wer von ihren Opfern den Tod verdient hatte und wer nicht.” – Sie haben dann alles über die RAF gelesen?” Die Befragte schüttelte den Kopf. “Nein, ich habe mich erinnert. An persönliche Begegnungen und Ereignisse, die ich aus mehr oder weniger großer Nähe miterlebt habe.” Larissa Finkenscher wechselte die Beine, und Edith konnte erkennen, dass sie die Buchstaben R, A und F mit dicken Strichen auf ihren Block gemalt hatte. “Sie wollen damit sagen, dass Sie seinerzeit Kontakt zu den Terroristen hatten?” Edith hatte sich erhoben und durchquerte den weiten, dunkelbraunen Raum mit langsamen Schritten. “Spielt keine Rolle. Jedenfalls wurde mir klar, warum die Taten der Baader-Meinhof-Leute und ihrer Jünger so grundfalsch waren. Wegen der Begründung!” Sie war kaum einen Meter vor der Therapeutin stehengeblieben und sah auf sie herab.

“Dann traf ich den Scholz, der behauptete, wir seien uns schon zu Zeiten des sogenannten deutschen Herbstes begegnet. Ich konnte mich nicht an ihn erinnern, aber ich bin damals sehr vielen Männern begegnet, wenn Sie verstehen, was ich meine. Verrückt genug, auch der hatte eine Todesliste aufgestellt und war schon in der Phase der konkreten Planung. Den fragte ich, welche vernünftigen Gründe es für politische Morde geben könnte. Da sagte er: ‘Unser Alter’. Nur das.” Edith musterte den Scheitel der Psychologin, die sich noch tiefer über ihre Notizen gebeugt hatte. “Ist es Ihnen unangenehm, dass ich so nah bei Ihnen stehe?” – “Nein, nein, durchaus nicht, für mich wäre es einfacher, wenn Sie Platz nehmen würden. Soll ich Ihnen den Stuhl vom Schreibtisch holen?” – “Das kann ich schon alleine,” sagte Edith und zog die Sitzgelegenheit heran.

“Sagen Sie, Larissa…, ich darf Sie doch Larissa nennen? Mir ist nicht klar, wozu unser Gespräch dienen soll. Unabhängig davon wie die Verhandlung gegen mich ausgeht: Es wird sich nichts ändern. Man wird mich aus Altersgründen nicht ins Gefängnis stecken. Was meinen Sie, weshalb ich nie in Untersuchungshaft genommen wurde? Die haben Angst, ich sterbe ihnen im Knast weg. Man stelle sich den Aufschrei der Medien vor. Und damit sind wir bei der Begründung: das Alter. Scholz sagte, dass wir doch einer Meinung seien, dass bestimmte Typen einfach weg müssten, egal, ob das etwas ändere oder nicht. Wir hätten ja auch eine gewisse Verpflichtung gegenüber unseren Enkeln und Urenkeln, meinte er. Na ja, ich entgegnete, dass wir doch besser an kommende Generationen denen sollten, denn weder er, noch ich haben Kinder, geschweige denn Enkel. Können Sie mir folgen, Larissa?” Die Therapeutin hatte Block und Stift auf das Beistelltischchen gelegt und sich in ihrem Stuhl aufgerichtet, die Hände auf den Knien.

“Ich könnte Ihre Enkelin sein, Frau Gräfin,” sagte sie. “Lassen Sie das mit dem Adelstitel, den habe ich schon vor Jahren abgelegt. Nennen Sie mich einfach Edith. Und, ja, vom Alter her könnten Sie meine Enkelin sein. Habe Sie denn keine Furcht vor den Entwicklungen der nächsten Jahre? Vor den Brandstiftern und Spaltern, die dabei sein, unsere fragile Gesellschaft in kleine Stücke zu schlagen? Diese ganzen widerlichen Rassisten und Sexisten, die Völkischen, die Demokratieallergiker und Machtmonster, machen die Ihnen keine Angst?” Larissa sah sie an wie ein kleines Mädchen die gute Großmutter. “Doch, schon, ja, aber, wenn man diese Männer – es sind ja alles Männer – auslöscht, dann wachsen doch gleich wieder andere ihrer Art nach.” – “Das Risiko wollten wir eingehen. Wir wollten eigentlich nicht einmal, dass die Todesfälle wie Morde aussahen. Man sollte es für Unfälle halten. Wir wollten nicht in Erscheinung treten. Nicht, weil wir Angst vor der Strafverfolgung hätten, sondern weil wir keine Botschaft zu verkünden hatten. Jeder von uns trug seine eigenen Motive in sich.”

Erst jetzt bemerkte Edith den Geruch, der vom Fenster her in den Raum zog – erdig, modrig wie von absterbenden Pflanzen oder auch Tieren, die im wilden Dschungel des Gartens gelebt hatten, durch den ein Streifen frisch gemähten Rasens rechts aus dem Bild lief. “Wissen Sie, Frau Finkenscher, es geht immer um Leben und Tod. Ich könnte Ihnen jede Menge Plattitüden dazu servieren, aber es ist doch wirklich so, dass die Menschen, die das Leben lieben und feiern, gegen die stehen, die dem Tod anhängen, die ihre ganze Energie auf tote Dinge richten und denen es deshalb egal ist, ob und wie viele Menschen sie umbringen.” Sie hatte sich endlich auf den Stuhl gesetzt.

Die Psychologin rückte ihre Brille zurecht und setzte den Therapeutenblick auf. “Sie wollen also sagen, dass die Männer auf ihrer Liste zu denen zählen, die das Leben nicht lieben?” Edith nickte. “Was lässt sie das glauben?” Vereinzelte Regentropfen schlugen an die Fensterscheiben. “Ihre Worte, ganz einfach, das, was sie öffentlich gesagt und geschrieben haben. Wie kann man Menschenleben schätzen und doch Rassist sein? Wie kann man nicht auf der Seite des Todes stehen und doch Dinge befördern, die das Klima der Erde weiter schädigen? Wollen wir die Typen im Einzelnen durchgehen?” Lariss Finkenscher schüttelte den Kopf. “Verraten Sie mir denn zum Schluss noch, welchen Zweck unser Gespräch hatte?”

Der Garten hinter dem Fenster hatte sich verdunkelt, der Regen zugenommen. Auch im weiten, aber niedrigen Raum war es dunkel geworden, und weil Edith mit dem Rücken zur Panoramascheibe saß, konnte die Psychologin ihr Gesicht nicht mehr erkennen. “Ich bin beauftragt, ein Gutachten über Sie anzufertigen. Es scheint ein Antrag vorzuliegen, Sie unabhängig vom Urteil in Sicherheitsverwahrung zu nehmen, in einer psychiatrischen Einrichtung. Wussten Sie das nicht?”

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publiziert am 07.06.20 in Fünf ¦ 271x gelesen ¦ noch kein Kommentar