1 Blutgrätsche

Hauptkommissar Robert Greiper hatte in dieser stürmischen Oktobernacht so gut wie kein Auge zugetan. Er war es gewohnt, auf dem Hausboot seiner ewigen Gefährtin und langjährigen Geliebten Elle schlecht zu schlafen. Die Gewissheit, kaum einen Meter über dem wilden Wasser zu liegen, hatte ihm immer schon zu schaffen gemacht, dazu das Geräusch, das der Fluss am Rumpf erzeugte. Aber in dieser Nacht hatte sich das Gluckern und Blubbern anders angehört als sonst, sodass er lange gelauscht hatte. Später auf dem Rücken lag und die Kreise an der Decke beobachtete, die das gespiegelte Mondlicht malte. Elle dagegen lag wie immer sanft schnarchend neben ihm und drehte ihm den Hintern zu als sei alles in Ordnung. Gegen halb sechs vibirerte sein Smartphone, und er stand leise auf, um sie nicht zu wecken.

“Hallo,” flüsterte er. “Ja, äh, Chef, ich bin’s. Mord im Supermarkt.” – “Warte, HH, warte…” Greiper schlich sich aus dem Wohnschlafbereich unter Deck ins Steuerhaus, das als Küche diente. “So, jetzt.” Er hörte seinen Assistenten leise hecheln. “Und ganz langsam, HH, erstmal durchatmen.” Hubertus Houben, den alle nur HH nannten, schnaufte kurz auf und begann. “Männliche Leiche, erdrosselt, stranguliert, erwürgt, erstickt, Luft abgedreht…” – “Halt!” rief Greiper ins Gerät, “jetzt mal professionell und der Reihe nach. Personenmerkmale…” HH hatte sich bekriegt: “Männlich, zwischen 20 und 30, etwas über einsneunzig, sportlicher Typ, hellhäutig, aber gut gebräunt.” – “Fundort?” – “Also, hier im Supermarkt zwischen der Fischtheke und dem Regal mit den internationalen Spezialitäten, wissen Sie, Chef, wo’s auch die Oliven gibt…” – “Hör mal, wir haben um die 500 Supermärkte in der Stadt, welcher denn? Und: Sag nicht ‘also’ und ‘Chef’, verstanden?” – “Jawohl, Chef! Also, es handelt sich um den Supermarkt da bei diesem neuen Viertel mit den Einfamilienhäusern.” – “Herr Houben, auch davon gibt es dank des Neubauwahnsinns einige. Wo bist du: Norden, Süden, Osten, Westen?” Er hörte, dass sich der Kriminalassistent konzentrierte. “Also, äh… Ammerland heißt das hier.”

Robert Greiper hatte sofort das Bild vor seinem geistigen Auge. Ein Häufchen weißer Wohnklötzchen, dekorativ auf einen ehemaligen Acker zwischem dem Ammer Forst und der alten Bundesstraße gestreut, zum Wald und Bach hin von einem Dreimetermaschendrahtzaun begrenzt, zur Straße hin mit einer weißen Mauer abgeschlossen und nur einer Zufahrt, die nachts durch ein schweres Tor verschlossen war, beinahe eine Gated Community für Besserverdiener mit Kind und Hund. “Und der Supermarkt ist auf der anderen Straßenseite…” – “Ja, genau, Chef, direkt gegenüber.” – “Wer hat den Toten gefunden?” – “Der Herr Alahli, also Ümit Alahli, der hat ihn gefunden.” – “Wer ist denn der Herr Alahli?” – “Also, das ist doch der Filialleiter, der Chef, der Inhaber…” – “Kennst du schon den Todeszeitpunkt?” – “Ja, der Doc meint, frühestens um 22 Uhr 20, spätestens eins.” – “Da war der Laden noch auf.” Greiper hörte HH nicken, das kannte er schon von ihm, dass er Fragen am Telefon wortlos beantwortete.

“Und kein Kunde hat was mitgekriegt?” Auch das Kopfschütteln war ohne Ton deutlich. “Also, der Alahli, der hat den Toten ja um kurz vor elf gefunden, also kurz vor Ladenschluss, da waren schon keine Leute mehr im Laden. Da hat der seinen letzten Rundgang gemacht, und da lag der Erwürgte zwischen der Fischtheke und dem Regal mit den internationalen Spezialitäten tot da.” – “Tatwaffe?” – “Sie werden es nicht glauben, Chef, ein Plastikbeutel! Wissen Sie, so ein Beutel, den man selbst von einer Rolle abreißt, wenn man sich Obst oder Gemüse…” – “Stopp! Hat es einen Kampf gegeben? War die Spurensicherung schon da?” – “Ja, die Spusi…” – “Sag nie wieder ‘Spusi’, bitte,” flehte Greiper. “Also, die Kollegen von der Spurensicherung waren schon da. Ob es einen Kampf gegeben hat? Schwer zu sagen.” – “Hat man den Toten identifiziert?” – “Nein, gab nix, keine Papiere, kein Portemonnaie, keine Brieftasche, kein Smartphone, keine Schlüssel, der hatte aber fast vierhundert Euro in Scheinen in der Tasche…” – “Ja, vielleicht weil er was einkaufen wollte. Und der Filialleiter, der kannte ihn nicht?” – “Hab ich nachgefragt, hab ich gefragt, den Herrn Alahli,” sagte HH voller Stolz, “also, der sagte, er habe den schon mal gesehen, aber der sei kein Stammkunde.”

“Pass auf, HH, bevor die Jungs die Leiche abräumen, mach mal eine Serie Fotos; von allen Seiten, von vorne, von hinten, von oben, aus der Nähe und aus der Entfernung. Die schickst du mir. Und dann sehen wir ins in einer halben Stunde im Präsidium.” Stille auf der anderen Seite. “Aber, Chef, ich habe schon seit ner Dreiviertelstunde Schichtende…” – “Dann machst du eben ein paar Überstündchen.” HH atmete flach. “Aber, Chef, das passt heute nicht. Ich hab nachher Sport, dann muss ich frühstücken, und dann wollte ich noch…” – “Ist ja schon gut, HH, sorg dafür, dass ich die Fotos im System vorfinde und mach dich jetzt vom Acker. Wenn ich was von dir wissen will, schick ich dir ne WhatsApp.” – “Also, das ist nett von Ihnen, Chef, danke.”

Greiper fror in der noch ungeheizten Küche. Einen Kaffee könnte er gebrauchen, aber er ahnte, dass er wieder an der Kaffeemühle, am Wasserkocher und der French-Press-Kanne scheitern würde. Kaffe konnte er nur mit Kapselmaschine, das stand fest. Statt dessen nahm er eine schnelle, heiße Dusche, zog sich an und setzte sich mit seinem Tablet an den Esstisch. Er dockte die Tastatur an und loggte sich ins Kriponetz ein. Tatsächlich hatte HH einen neuen Ordner angelegt und mit Fotos vom Tatort befüllt. Greiper wischte durch und war wieder überrascht von der Qualität der Aufnahmen. Vielleicht, dachte er, sollte der junge Hubertus auf Fotograf umsatteln, denn dass HH noch einmal eine Größe bei der Kripo werden könnte, daran glaubte sein Vorgesetzter nicht.

Der Tote lag auf dem Rücken, die Beine leicht gespreizt. Gut einen Meter von den Füßen entfernt lagen knallrote Sneakers, das Modell einer Marke, dass bei den Liebhabern von Turnschuhen aktuell äußert beliebt war, nur nach einer Bewerbung beim Exklusivhändler zu kaufen war und an die 500 Euro kostete. Der junge Mann trug eine schlichte graue Jogginghose und ein dunkelblaues T-Shirt mit den drei Buchstaben SSC in Hellblau. Hinter seinem Kopf fand sich eine Basecap des amtierenden deutschen Fußballvizemeisters, die farblich so gar nicht zum Rest passen wollte. Greiper schätzten die Leiche auf weniger als 25 Jahre, vielleicht sogar auf unter zwanzig. Auf dem linken Arm hatte er einen Ärmel aus dichten Tattoos, rechts trug er eine angesagte Smartwatch. Für jemanden, dem man die Luft abgeschnürt hatte, sah der Tote ausgesprochen friedlich aus – ein nettes Gesicht, beinahe unauffällig mit Dreitagestoppeln und einer dieser dusseligen Gelfrisuren darüber.

Greiper dachte nach, und merkte nicht, dass Elle hinter ihn getreten war, die ihm einen fetten Schmatz ins Genick drückte. “Schon bei der Arbeit, Liebster? Schon beim Blättern in der Verbrecherkartei?” Er schüttelte den Kopf: “Mordopfer, Fotos hat HH geschickt.” – “Der sieht gar nicht so tot aus. Moment, den kenne ich…”

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publiziert am 11.07.20 in Fehlpass ¦ 40x gelesen ¦ noch kein Kommentar