4 Parade

“Ja, den kenn ich,” sagte Elle noch einmal, “zeigt mal die anderen Fotos.” Robert wischte auf dem Tablet bis das Bild erschien, das den gesamten Tatort und das Opfer in voller Länge zeigte. Seine Geliebte beugte sich tiefer über seine Schultern, und die Berührung gefiel ihm. “Sag ich doch,” meinte sie, “das ist ein Fußballer. Guck mal auf das T-Shirt: SSC.” – “Ja, und?” – “Mensch, dass ist doch ein Oberligaclub hier aus der Stadt.” Robert verkniff es sich, zum x-ten Mal daraufhinzuweisen, dass er von Fußball keine Ahnung habe und der Sport ihn überhaupt nicht interessierte. Er wusste ja, dass Elle nicht nur glühende Anhängerin des hiesigen Bundesligisten war, sondern ziemlich viel Freizeit auf den Plätzen kleinerer Vereine verbrachte.

“Ja, und wie heißt der Tote?” Sie griff an ihm vorbei und blätterte durch die Fotos. “Weiß ich doch nicht. Kommt mir einfach bekannt vor. So weit, dass ich alle Kicker aller Clubs bis runter in die Kreisliga kenne, bin ich ja nun nicht. Aber, das T-Shirt…” – “Kann SSC nicht etwas anderes bedeuten?” wandte er ein, “und dass du dich irrst?” – “Klar, kann das sein, aber erstens ist Blau genau die Farbe des Vereins und zweitens fällt einem so ein Typ schon auf, wenn man ihn mal sieht … ich meine, so als Frau.” Der Hauptkommissar sah genauer hin.

Okay, das Opfer war ziemlich groß und, ja, man könnte ihn als gutaussehend bezeichnen. “Seit wann stehst du auf junge Kerle?” Elle gab zischte durch die Szene. “Nicht alle Männer, die wir Frauen lecker finden, sind so attraktiv, dass man sie nicht von der Bettkante schubsen würde. Im Ernst, den hab ich schon spielen gesehen.” – “Heißt, ich sollte mal bei diesem Club nachfragen, ob einer fehlt.” – “Genau.” In diesem Moment gab das Schiff einen merkwürdigen Ton von sich, ein Knacken, ein Knarzen als ob etwas am Rumpf scheuerte. “Hast du das gehört?” fragte Robert, dem der Kahn von Anfang an nicht geheuer gewesen war. “Ist normal,” meinte sie. “Ich fand schon das Gluckern heute Nacht irgendwie anders, hab kaum ein Auge zugemacht deswegen.”

Sie lachte kurz auf. “Du und deine Verfolgungswahn. Das hier ist ein Schiff, und weil es ein Schiff ist, liegt es auf dem Wasser. Es ist dafür gebaut, auf dem Wasser zu liegen und kein Wasser reinzulassen. So lange nicht mehr Wasser reinkommt als nötig, ist alles in Ordnung.” Er war aufgestanden und ging ein paar Schritte. “Findest du nicht, dass der Kahn schiefliegt? Hinten höher als vorne?” Elle sah ihn aus ihren schönen blauen Augen spöttisch an. “Ja, klar, das tut es immer um diese Uhrzeit. Und Robert beschloss, ein paar Nächte nicht auf dem Hausboot zu verbringen. Sicherheitshalber.

Dann stieg der Hauptkommissar den Steiger hoch auf die Kade des Hafenbeckens C, marschierte bis zur Straße und enterte den Dienstwagen, den er sich am Vortag von der Fahrbereitschaft hatte zuteilen lassen. Autofahren fand Greiper mindestens so unangenehm wie das Übernachten auf einem schwimmenden Objekt. Wieder dachte er daran, seine eingemottete Guzzi aus der Tiefgarage zu holen und fit machen zu lassen. Auf der Maschine würde er sich ohnehin schneller durch die Stadt bewegen können als im Auto. Kauf dir doch ein E-Bike, hatte seine Partnerin vorgeschlagen, aber mit dem Radfahren hatte er es schon als Kind nicht so gehabt, und ein Velo mit Motor fand der alte Motorradfahrer einfach affig.

Als er die vier Etagen in seine Amtsstube im Polizepräsidium stieg, ging er den Terminkalender des Tages im Geist durch und stellte fest, dass der keine festen Termine enthielt. Er würde sich also ganz auf die Ermittlungen im Supermarkt-Mord konzentrieren können. Vielleicht sollte er seinen Assistenten wecken, damit der ihn persönlich auf Stand brächte. Oder einfach, um den ein wenig zu piesacken. Stattdessen setzte er sich an seinen Schreibtisch, loggte sich in den Dienst-PC ein und rief die Website des Sportvereins namens SSC auf. Die lud langsam und zeigte ein unscharfes Mannschaftsfoto. Zwei Klicks weiter kam Greiper auf die Seite mit der ersten Mannschaft und demselben Gruppenbild, darunter aber eine Liste mit Namen und Fotos – der Betreuerstab und die Spieler.

Im Menü fand er einen Punkt namens “Nachwuchs” und klickte drauf. Das Foto einer netten, mittelalten Dame erschien, dazu eine Telefonnummer und eine Mailadresse, mehr nicht. Greiper beschloss, HH doch in Marsch zu setzen. “Morgen, ausgeschlafen? Schon gefrühstückt und Sport getrieben?” Sein Assistent stammelte etwas. “Hol mich gleich mal am Präsidium ab. Wir fahren zum Fußballverein, in dem der Tote Spieler war; Oberliga, übrigens.” Ein tiefes Atemholen am anderen Ende: “Jawoll, Chef, bin in zwanzig Minuten da.”

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publiziert am 11.07.20 in Fehlpass ¦ 486x gelesen ¦ noch kein Kommentar