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Endlich wurde sein Flug aufgerufen, mindestens zweiundzwanzig Stunden würde er unterwegs sein, zwei Zwischenstopps inklusive, und wieder überlegte er, weshalb seine Anwesenheit bei einer Vertragsunterzeichnung überhaupt für notwendig befunden wurde. Wang Ho hatte in der letzten Videokonferenz angeführt, so könne man sich endlich mal persönlich kennenlernen. Außerdem habe er Vertreter der internationalen Business-Medien eingeladen, damit wenigstens ein paar Fotos vom Handshake gemacht würden; für so bedeutend halte er den Deal zwischen seiner Holding und Roelandes Firma. Natürlich sei er herzlich für ein paar Tage in Hos privatem Resort auf Pulau Randang eingeladen.

Vielleicht war dies das entscheidende Argument dafür, dass Mijnherr van de Maas zugesagt hatte. Die vergangenen Monaten waren einigermaßen arbeitsintensiv und voller Stress und Ärger verlaufen, da würde ihm ein bisschen Erholung nicht schaden. “Ich werde zehn Tage weg sein,” hatte er seiner Assistentin Lydia gesagt, “mach also bitte keine Termine in der Zeit. Nur falls dieser deutsche Club spielt, holst du mich zurück.” Einen Ausflug nach Singapur oder Hongkong hätte er gern an die Reise angehängt, aber das wäre dann doch des Guten zu viel gewesen.

Natürlich hatte ihm die WBS Plätze in der ersten Klasse reserviert, wo es abgeschirmte Schlafkojen für die Reisenden gab und jeweils eine Flugbegleiter für je zwei Passagiere. Roelande dachte über den kommenden Jetlag nach und auf welchem Teilstück er Nachtruhe halten sollte und entschied sich dafür, nach dem Start in Abu Dhabi bis zur Landung in Singapur zu ruhen, denn da hätte er seine eigene Suite, wie die Fluggesellschaft es nannte, und könnte ganz entspannt schlafen. Er würde den Luxus, den er sich selbst niemals gönnen würde, einfach nur genießen.

Seinen zukünftigen Geschäftspartner fand er nicht nur sympathisch, sondern sogar einigermaßen attraktiv. Eigentlich ein Fußballertyp, dachte Roelande, groß und sportlich und mit diesem gewissen Blick, den Torjäger ihr Leben lang nicht verlieren. Die Verhandlungen, die sich endlos und in über zwanzig Videocalls hingezogen hatten, verliefen fair, und seine Anwälte hatten zwischendurch immer wieder geäußert, dass sie den Umgang zwischen einem so großen Partner und einem eher kleinen Unternehmen wie der van de Maas BVBA bisher noch nie erlebt hätten. Auch die Unterstützung der WBS-Mitarbeiter war hervorragend, immerhin ging es um das immer noch heikle Thema Sportwetten, bei dem in Europa einige juristische Hürden genommen und Genehmigungsverfahren zu bewältigen waren.

Dass die Sache auf EU-Ebene letztlich beinahe reibungslos abgelaufen war, verdankte Roelande aber auch seiner langjährigen Freundschaft zum luxemburgischen Europaparlamentarier Jaques Thorn, einem ehemaligen Profi wie er und eine Saison lang Mannschaftskamerad beim dortigen Spitzenreiter. Jaques war in Brüssel und Straßburg bestens vernetzt und hatte die Entscheider in den Gremien und bei den zuständigen Behörden um Unterstützung gebeten. “Dass die Sache so einfach ging, ohne dass irgendwer irgendwie geschmiert werden musste,” hatte sein persönlicher Anwalt gesagt, “ist ungewöhnlich. Darauf kann sich ihr Freund wirklich etwas einbilden.”

Also würde sich Wang Ho mit 49 Prozent an Roelandes Firma beteiligen und dafür 5,24 Millionen Euro zahlen. Eigentlich musste er nur seinen Namen zur Verfügung stellen, denn die gesamte Technik, alle Prozesse, die Zahlungsabwicklung und was sonst nötig war, würde die WBS stellen. “Viel Geld für wenig Arbeit,” hatte Ho das genannt, der übrigens ein recht gutes Flämisch sprach und ins Französische wechselte, wenn er in Roelandes Muttersprache nicht formulieren konnte, was er zu sagen hatte. Und weil rund die Hälfte der Investitionssumme bei einer indonesischen Bank hinterlegt werden würde, hatte er nun ein nettes Polster für seine alten Tagen, an dem der belgische Staat nicht mitverdienen würde.

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publiziert am 05.07.20 in Fehlpass ¦ 126x gelesen ¦ noch kein Kommentar