7 Mitspielend

Fünf Jahre zuvor. Fußballerkarrieren verlaufen selten gradlinig, zu viele Faktoren spielen eine Rolle. Ab einem bestimmten Alter sind es vor allem Verletzungen, die das Fortkommen begabter Spieler behindern, manchmal aber auch, dass der Kicker auf einen Verein oder einen Trainer stößt, mit dem er nicht zurecht kommt. Tim erlebte beides, und das ausgerechnet in dem Jahr, in dem er die Nummer Eins im Tor der U19 des SSC werden wollte. In der Saisonvorbereitung, noch war er keine sechzehn Jahre alt, brach er sich den linken Arm im Training. Nicht bei der Arbeit im Tor, sondern – dumm genug – im Kraftraum beim Bankdrücken. Und dann geriet er mit Vladko Markovi? aneinander, dem Trainer der U19, die tatsächlich in die zweigeteilte Bundesliga dieser Altersklasse aufgestiegen war.

Ein Sommergewitter entlädt sich über der Stadt, Markovi? hat das Training abgesagt. Die Spieler, die schon am Platz eingetroffen sind, packen ihren Kram und machen sich auf den Heimweg. “Was macht der Arm?” Alfred Killewald und Tim sitzen im Partyraum des Vereinsheims, weil es da eine Kaffeemaschine gibt und einen Kühlschrank, aus dem man sich bedienen kann. Der junge Torwart hebt den betroffenen Arm und sagt: “Geht wieder. Keine Schmerzen, gut verheilt. Beweglichkeit ist noch nicht voll da.” Der Trainer räuspert sich: “Holst du mir mal einen Kaffee, bitte? Schwarz, aber Zucker.” Tim nickt, und während er zur Theke schlendert, sagt Killewald: “Sag mal, musste das sein, dass du dich mit dem Vladko vor der gesamten Mannschaft streitest? Und dann auch noch wegen Peanuts…”

Der Enkel des großen Wolfgang Kringel antwortet nicht, sondern macht sich am Kaffeeautomaten zu schaffen. “Was willst du eigentlich mal werden, Junge? Doch wohl nicht Profifußballer. Da wird dir immer dein Temperament im Weg stehen. Kannst du mir glauben.” Tim knallt die Kaffeepötte auf den Tisch: “Ich lass mich von dem Loser doch nicht beleidigen! Weißt du, was er gesagt hat? Weißt du das überhaupt?” Der in Ehren ergraute Jugendbetreuer und Trainer schüttelt den Kopf. “Weißt du, wie das Arschloch meine Mutter genannt hat?” Der Nachwuchstorhüter hat die Arme auf die Tischplatte aufgestützt und kommt seinem Gegenüber immer näher: “Dschungeläffchen! So hat er sie genannt. Der kann froh sein, dass ich ihm nicht die Fresse poliert habe.”

Killewald rührt seinen Kaffee um. “Komm schon, kennst den doch, hat er nicht so gemeint.” Tim hat sich wieder hingesetzt. “Genau so hat das blöde Rassistenschwein es gemeint, genau so. Denk mal an die Sache mit Oyo. Oder warum Adjei nicht mehr zum Training gekommen ist. Markovi? ist ein dreckiger Faschist.” – “Jetzt übertreibst du aber…” – “Nix da. Ich hab in seiner Vergangenheit gewühlt, Bosnienkrieg und so. Auf welcher Seite stand der da? Genau. Der hält mich ja wegen meines Namens für einen Moslem; verfluchte Scheiße, dass da wirklich Mustafa in meinem Spielerpass steht, wo doch mein zweiter Name nichts anderes ist als ein Privatwitz zwischen meinen Eltern.” Er schlürft seine Milchkaffee, und sein ehemaliger Trainer sieht, dass der Junge Tränen in den Augen hat.

“Pass auf,” sagt Killewald und legt seine Rechte auf Tims Arm, ” dann gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder du wechselst den Verein oder Vladko.” Der Torhüter nickt langsam. “Und wohin soll ich wechseln? In meinem Alter? Zum Bundesligisten? Da käm ich in die U17 und wär dort Nummer Vier. Zu einem anderen Oberligisten? Irgendso ein Scheißdorfverein? Ey, ich bin noch keine sechzehn, ich hab noch keinen Führerschein, wer sollte mich denn zum Training auf irgendeinem Provinzacker kutschieren? Mein Dad? Der nur alle paar Monate für ein paar Wochen nach Hause kommt? Mein Opa? Der mit seiner Riesenschüssel einen Unfall nach dem anderen baut, weil er einfach zu alt fürs Autofahren ist?” – “Ich könnte dich fahren.” – “Na klar, du karrst eines der größten Talente, das je beim SSC angefangen hat, persönlich zum Training bei einem anderen Verein. Du als Jugendtrainer des SSC. Bravo, was meinst du wie schnell die dich feuern würden.”

Draußen ist es nachtschwarz. Blitz und Donner sind vorbeigezogen, aber der Starkregen ist noch nicht fertig. Die Tiefstrahler über dem Hauptplatz sind automatisch angegangen, und das Grün des Kunstrasens sieht giftig aus. “Dann muss eben Vladko weg,” sagt Alfred Killewald, Trainer der U15 und der Kinderklassen des SSC, “dann muss der eben verschwinden.” Und trinkt seinen Kaffee aus.

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publiziert am 11.07.20 in Fehlpass ¦ 328x gelesen ¦ noch kein Kommentar