8 Abpfiff

Es kam Robert vor, als ob Elle schluchzte. Gerade war sein Smartphone gegangen, und sie hatte ohne Begrüßung gesagt: “Du musst sofort kommen, der Kahn säuft ab.” Er hatte geantwortet: “Und was soll ich daran ändern?” – “Beim Ausräumen helfen!” Und hatte aufgelegt. Da stand HH plötzlich in seinem Büro: “Also, Chef, ich wär so weit.” Hauptlkommissar Greiper dachte kurz nach. “Hast du noch deine Kumpels bei der Bereitschaft?” Sein Assistent nickte. “Gut, dann aktivier die mal. Sollen mit zwei Neuner in den Hafen fahren. Du weuß ja, wo Elles Hausboot liegt. Und wir beide düsen jetzt zum SSC.”

Man hätte auch sagen können, Sport jeder Art, ob aktiv oder passiv, war Roberts blinder Fleck. Er hatte nie Sport getrieben – außer, wenn er in der Schule und in der Ausbildung musste -, er sah sich nie sportliche Wettbewerbe an, und er hatte keine Ahnung von irgendwelchen Regeln, Rekorden und prominenten Akteuren. Seine Vorstellung von einem Fußballverein orientierte sich am Erstligisten der Stadt und der Arena im Norden, gleich hinter dem Messegelände, weil er bei zwei Fällen in der Vergangenheit dort ermittelt hatte. Und natürlich hatte Greiper auch schon mal einen Fußballplatz gesehen, aber was er jetzt sah, schockierte ihn ein bisschen.

Da gab es eine Art Stadion, also ein Spielfeld mit schütterem Rasen und einer Aschenbahn drumherum, umgeben von Erdwällen, der auf der Gegengerade mit bröckeligen Stufen versehen, sowie ein Bauwerk, das wohl als Tribüne fungieren sollte. Daneben ein schmuckloser Kunstrasenplatz mit Trainerbänken und umlaufendem Sperrgeländer. Am Rande dieser Fläche dann noch eine zweiflügelige Baracke, mit dunkelblau gestrichenen Holzlatten verkleidet und von einem bemoosten Dach gekrönt. Die Brache davor diente offensichtlich als Parkplatz. HH und Greiper stiegen aus und näherten sich dem Vereinsheim.

Jemand hatte ein Schild gemalt, hellblaue Schrift auf dunkelblauem Grund. “SSC, wo Fussball zuhause ist.” Robert fiel sofort der Rechtschreibfehler auf, während HH das Wappen studierte, das auf der Eingangstür angebracht war. “Sag mal, die spielen in der vierten Liga, richtig?” – “Falsch, Chef, in der fünften Liga, sind Tabelleführer, werden wohl aufsteigen.” Greiper brummte. “Aber das sind schon Profis, oder?” – “Falsch, Chef, das sind Vertragsamateure.” – “Kriegen die Geld fürs Kicken oder nicht?” – “Ja, aber warum fragen Sie?” Der Hauptkommissar machte eine 180-Grad-Handbewegung und sagte: “So sieht es aus, wenn Leute mit Fußball Geld verdienen? Unfassbar.”

HH drückte auf die Klinke, aber die Tür war verschlossen. Sie wanderten einmal ums Gebäude und schauten in die Fenster. Der Raum gleich hinter der Eingangstür hatte Ähnlichkeit mit einer besonders angeranzten Kneipe. Es gab einen Tresen und die üblichen Kneipentische. Im Regal hinter der Theke die üblichen Spirituosen. Links im Raum aber stand ein Schreibtisch, dahinter ein Aktenschrank und ein Regal voller Pokale. Die Wände waren mit Dutzenden Fotos bedeckt, vorwiegend Gruppenbildern von Jungs und Männern in kurzen Hosen. “Da ist niemand,” stellte HH fest. “Ruf mal an,” befahl Greiper, und sein Assistent wählte die Nummer, die er sich vorsorglich auf dem Handrücken notiert hatte.

“Nur der Anrufbeantworter, der die Geschäftszeiten durchgibt.” – “Und die sind wann?” – “Zum Beispiel jetzt gerade. Es ist doch schon nach elf, oder?” Greiper drehte sich wortlos um und stiefelte zum Dienstwagen. “Fahr mich in den Hafen. Ich glaube, da werde ich dringender gebraucht.”

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publiziert am 11.07.20 in Fehlpass ¦ 501x gelesen ¦ noch kein Kommentar