5 Klein, klein

Sieben Jahre zuvor. Es nieselt, es ist kalt, kaum acht Grad. Tiefstrahler beleuchten den nassen Kunstrasenplatz. Im Mittelkreis steht Alfred Killewald. Gut zwanzig Jungs laufen außerhalb der Außenlinien um den Platz. “Los, los, noch vier Runden,” ruft der Trainer. Er trägt eine Regenjacke über dem Trainingsanzug, während sich die 13-, 14-Jährigen in kurzen Hosen und Trikots warmlaufen. “So,” befiehlt er, “jetzt Fünf gegen Fünf ohne Torwart. Und die Torleute zu mir!” Die Spieler verteilen sich auf die Hälften links und rechts der Mittellinie. Vier von ihnen, die man an den fetten Handschuhen als Torhüter erkennt, finden sich bei Killewald ein.

“Passt mal auf. Bevor wir mit dem Schusstraining anfangen, hab ich was zu klären. Manuel, du spielst am Sonntag in der U17, das ist klar. Ali bleibt bei uns, Konstantin geht auf die Bank. Ihr wisst, dass sich Tony und Amadeo beide verletzt haben. Also steht die U19 ohne Torwart da. Dass die einen Feldspieler als Ersatz-Keeper auf die Bank setzen, ist klar. Vladko hat mich gefragt, welchen Tormann aus meinem Bereich er für das Spiel gegen den FC haben könne. Also, Tim, wenn du dir das zutraust, machst du es.” Tim Mustafa Kringel, Enkel des großen Wolfgang Kringel, des Mittelstürmerhelden der frühen Sechzigerjahre, überragt seine Kollegen um Kopfeslänge. Während die anderen vor Kälte und Aufregung von einem Fuß auf den anderen treten, steht er ruhig und konzentriert da.

“Also, du wirst ja nächste Woche vierzehn, da kriegen wir eine Ausnahmegenehmigung, das hat Boris schon geklärt. Die Frage ist nur, ob du das Gefühl hast, erstens mit den Großen klarzukommen, und zweitens mit dem Gegner auch.” Der Schlaks mit den Rastalocken nickt bedächtig. “Muss kurz nachdenken.” Der Trainer gibt ein Handzeichen. “Okay, dann sag mir nach dem Training Bescheid.” Die vier Torleute traben zum Nebenplatz und bauen sich am Tor auf. Killewald folgt.

Wolfgang Kringel war schockiert, als ihm sein Sohn Michael rundheraus erklärt hatte, er werde an seinem einundzwanzigsten Geburtstag das Elternhaus verlassen. “Noch eine Enttäuschung,” dachte der großartige Kicker, denn dass der Stammhalter einfach keine Lust gehabt hatte, die Fußballtradition der Familie fortzusetzen, hatte ihn schon gekränkt. Auch, dass Michael partout aufs Gymnasium wollte, um später so etwas Sinn- und Brotloses wie Anthropologie zu studieren, hatte nicht ins Kringel’sche Weltbild gepasst. Und jetzt wollte der Junge weg. “Muss mir so einiges auf diesem Globus anschauen,” hatte er gesagt und dem Vater gleich sein Seefahrtsbuch präsentiert. “Übermorgen von Rotterdam nach Paramaribo.”

Und nun machte der Enkel alles wieder gut. Natürlich war der alte Kringel zunächst entsetzt, als Michael nach drei Jahren zurückkehrte und ihm seine frisch angetraute Gattin vorstellte. Inti sei ihr Name, irgendwo tief im Amazonasgebiet habe er sie kennengelernt, als er an einer Expedition zu den isolierten Stämmen teilgenommen hatte, durchgeführt von indigenen Menschenrechtsaktivisten – wie Michael das nannte. “Sie ist eine Eingeborene,” dachte Wolfgang, “gut, dass seine Mutter das nicht mehr mitgekriegt hat.” Aber, die neue Schwiegertochter wurde schnell zu seinem Sonnenschein. Auch wenn sie kein Wort Deutsch sprach oder wenigstens Englisch – das konnte Kringel -, verstanden sich die beiden von Beginn an prächtig. Und als ihr erstes Kind geboren wurde, sagte der Opa: “Der wird mal Torwart.” Denn der Neugeborene hatte sehr, sehr große Hände.

Der Torwarttrainer der zweiten Mannschaft hat sich zu ihnen gesellt und unterstützt Killewald. “Schneller wieder hoch!” brüllt er Tim an. “Lass den mal, der ist so groß, der braucht bisschen länger,” brummt der Trainer. “Jetzt Ali!” ordnet er an und winkt Tim zu sich. “Und? Machst du es?” Der junge Keeper nickt wieder bedächtig. “Nur wenn der Koplew nicht in der Viererkette spielt, der ist ein Arsch, mit dem kann ich nicht.” Killewald tippt sich an die Stirn. “Du spinnst wohl, willst du dem Vladko in die Aufstellung reinreden?” – “Koplew drin, ich draußen,” sagt Tim, “so einfach ist das.”

Die U19 des SSC hält ein Unentschieden gegen den schier übermächtigen Gegner. Tim Mustafa Kringel bekommt Bestnoten, und der Scout der SGF, der eigentlich wegen eines Außenstürmers anwesend ist, notiert sich den Namen des Torhüters. Der ist der Held des Tages. Hat die schwierigsten Dinger rausgeholt und in der 84. Minute den Elfmeter gehalten, der sonst die Niederlage besiegelt hätte. Und nach dem Spiel ist Vladko Gavrinovic auf Tim zugekommen. “Wenn du willst, kannst du ab sofort bei uns mittrainieren. Wärst die Nummer Zwei im Tor. So lange Tony verletzt ist; Amadeo ist dann hinter dir die Nummer Drei.” – “Geht klar,” hatte Tim gesagt und seinem neuen Trainer die Hand geschüttelt.

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publiziert am 03.07.20 in Fehlpass ¦ 149x gelesen ¦ noch kein Kommentar