Die Seite 10

Überfahrt

Das Meer hat es nicht immer gut gemeint mit uns. Damals am Atlantik, als du wie ein Kind wieder und wieder in die Brandung liefst, mit ausgestreckten Armen unterhalb der Wellenkronen eintauchend, um dann im nächsten Tal wiederaufzutauchen. Wieder und wieder. Bis diese eine Woge kam, die war doppelt so groß wie die anderen. Ich sah nur wie du hochgeschleudert wurdest, wie du einem Moment in der Gischt schwebtest, dann hinab stürzest ins gläserne Meer und nicht wieder auftauchtest. Wie dich drei Männer auf den Strand zogen nachdem sich das Wasser zurückgezogen hatte. Du hattest das Bewusstsein verloren, atmetest aber. Sie drehten dich auf die Seite, und ich sah Hunderte kleine Schnitte in deinem Rücken, aus denen Blutstropfen quollen, so sehr hatten dich die Wellen auf den Grund geschleudert, die mit Millionen Scherben von Muscheln bedeckt war. » ganz lesen

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publiziert am 11.06.17 in Paare ¦ 586x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Feuerfest (7): Die Medien

Greiper konnte nicht ohne Zeitungen. Er hatte sich aufs Zweitfahrrad geschwungen, das für Situationen wie diese immer am Ufer über dem Hausboot angekettet war, und einen Zwischenstopp an Nuris Büdchen am Platz eingelegt. “Sie wissen schon, wer das gemacht hat, Herr Kommissar?” Wie üblich war der Kioskbetreiber von seinem Barhocker aufgestanden, als Greiper den schrägen Laden betreten hatte, was immer so wirkte, als würde er als Nächstes salutieren. “Nein, nein, Nuri, hab mit der Sache nichts zu tun. Bin nicht im Dienst. Da weißt du vermutlich mehr als ich – so als Nachbar.” Tatsächlich lag nur ein Haus, das mit der breiten Toreinfahrt, zwischen dem Weinlokal und dem Büdchen. “Glück gehabt. Bei mir ist fast nichts kaputtgegangen. Paar Flaschen runtergefallen. Sonst nichts. Aber, geschieht dem Recht, dem Arschloch…” – “Welches Arschloch?” – “Der Wirt, dieser Weizenberger – Rassist, Faschist, Arschloch.” Greiper hatte Zeitungen von den Ständern eingesammelt, drehte sich zu Nuri um und fragte nach: “Hattet ihr Streit?” » ganz lesen

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publiziert am 05.06.17 in Feuerfest ¦ 591x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Feuerfest (6): Verbrannt

Als Greiper an der Stelle angekommen war, an dem er von der gefundenen Leiche erzählen musste, brach Elle in Tränen aus: “Oh Gott, die arme Frau, verbrannt, bei lebendigem Leib verbrannt, wie furchtbar, das ist so fürchterlich, das ist die schlimmste Art zu Tode zu kommen. Ich darf gar nicht daran denken. Mir wird übel.” Ihr Ausbruch kam nicht unerwartet angesichts ihrer tiefsitzenden, irrationalen Angst vor dem Feuer. Robert war aufgestanden und hatte Elle in den Arm genommen. Dann sagte sie: “Hör auf mit der Geschichte. Ich will das nicht hören. Lass uns ins Bett gehen.” Aber vorher nahmen sie gemeinsam eine Dusche und erneuerten ihre Liebe. Während seine Liebste leise vor sich hin schnarchte, konnte er natürlich nicht schlafen. An Bord schlief er nur tief und fest, wenn er vorher richtig viel Bier getrunken hatte. Aber an diesem merkwürdigen Abend war er über drei Flaschen nicht hinausgekommen. Und so lag er und lauschte auf das unterschiedlichen Glucksen und Blubbern rund um das Hausboot, immer mit dem Gedanken, was passieren würde, gäbe es ein Leck – sie beide würden schlafend ertrinken. » ganz lesen

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publiziert am 03.06.17 in Feuerfest ¦ 565x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Feuerfest (5): Der Örtzel

Der Örtzel saß mitten auf dem Platz in seinem Rollstuhl. Mit seiner hellen Kinderstimme rief der Mann, der seit vielen Jahren im Viertel unterwegs war, zunächst zu Fuß, dann auf Krücken und jetzt im Rollstuhl, nach Greiper: “Herr Kommissar! Herr Kommissar! Wer war das denn?” Seitdem er nicht mehr gehen konnte, war der Kerl, den sie alle für geistig behindert hielten, aufgegangen wie ein Hefeteig. Ein Quadratschädel mit wasserblauen Augen saß nun halslos auf dem aufgedunsenen Körper. Greiper mochte den Örtzel, der rund um den Platz die Position eines Dorftrottels einnahm, und hielt ihn einfach nur für ein wenig weltfern und naiv – wie ein Kind eben. Dabei sah und hörte der Örtzel alles, kannte fast alle Leute im Umkreis von fünfhundert Metern beim Namen, wusste, was sie taten oder nicht, wer mit wem und wer gegen wen. In mindestens drei Fällen waren es die Erzählungen dieses Originals, die ihn auf die richtige Spur gebracht hatten. Also ging Greiper rüber, hockte sich neben den Rollstuhl und sagte: “Man weiß es nicht. Und ich bin nicht im Dienst.” Leise sprechen konnte der Örtzel nicht: “Ach, so, Sie sind gar nicht im Dienst! Ich wollte Ihnen gerade was erzählen…” So begann er immer, und was folgte, waren oft präzise Zeugenaussagen – jedenfalls präziser als das, was der Hauptkommissar a.D. oft von gebildeten Leuten zu hören bekam. » ganz lesen

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publiziert am 02.06.17 in Feuerfest ¦ 595x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Feuerfest (4): Unwissen

Greiper nutzte die Zeit und rief HH an. “Warum haben Sie mir nicht gesagt, dass es eine Leiche gibt?” Sein Lehrling stotterte: “Ja, äh, hätte ich schon noch… Wissen Sie, ich hab erstmal die Spurensicherung hingeschickt.” Der Hauptkommissar a.D. grinste leicht vor sich hin: “Weiß man schon was über das Opfer? Mann, Frau, Alter etc. Oder konnte die Leiche sogar schon identifiziert werden?” – “Nein, das wissen wir alles noch nicht. Die Obduktion läuft noch. Ich rufe sie sofort an, wenn’s was Neues gibt, Chef.” Inzwischen stand schon ein großer Pott Kaffee vor ihm, und Manuel hatte Brot und irgendeinen veganen Aufstrich gedeckt. Wenn sie in zivil daherkamen, also nicht in schwarzen Hoodies und anderer martialischen Kleidung, kamen ihm die Antifa-Youngster immer ein bisschen vor wie die Kleinen Strolche im Stummfilm. Zumal es auf dem Gelände auch einen ziemlich fetten, weißen Hund gab, dessen Gesicht zur Hälfte schwarz war. Die Autonomen im Zentrum wirkten auf ihn wie freche, aber harmlose Kinder, die gern anderen Streiche spielten. Aber er wusste auch, dass zumindest zwei von ihnen erheblich gewaltbereit waren – wie es im Polizeijargon hieß. » ganz lesen

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publiziert am 27.05.17 in Feuerfest ¦ 453x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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