Die Seite 4

Die Sieben und der Schmerz

Als ich heute früh erwachte, sagte Thibaud, hatte ich sieben Schmerzen; erfreulich wenige. Ja, ja, warf Storck ein, in unserem Alter ist man ja froh, wenn morgens was weh tut, denn dann weiß man, dass man noch am Leben ist. Immer noch kannst du keiner Banalität aus dem Weg gehen, entgegnete Thibaud und ergänzt: Lasst uns über physische Schmerzen sprechen, nicht über das Alter. Denn wenn eines das gesamte Leben begleitet, dann sind es Schmerzen. Aber in den letzten Jahren vor dem Tod, wandte Storck ein, ist jeder Schmerz ein Alarmsignal dafür, dass dieses oder jenes Körperteil funktional am Ende ist. Nimm die Leber. Ist die durch ständigen Alkohol-, Drogen- oder Medikamentenmissbrauch angeschwollen, dann wird sie sich zersetzen und ihre Funktion nicht mehr erfüllen. Und daran stirbt man. Gut, dass du dieses Organ erwähnst, stimmte Thibaud zu, es sendet nämlich einen meiner sieben Schmerzen aus. » ganz lesen

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publiziert am 07.01.18 in Thibaud ¦ 182x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Geschichte von einem frühen Tod

Wir sehen einen noch nicht ganz Zehnjährigen zwischen seinen Brüdern. Sie sitzen in kurzen Hemden und Hosen auf einer Bank an der Oder und lächeln schief in die Kamera: Paul, Gerhardt und Hans. Das Bild hat ein Fotograf aufgenommen, der den Abzug mit dem Namen seines Geschäfts abgestempelt hat. Es war an einem der wenigen wirklich sommerlichen Sonntage im Juli des Jahres 1933. Da sind die Jungen schon vaterlos, wissen aber nicht wie und weshalb der Vater verschwunden ist. In Stettin war im Mai den Gauleiter Karpenstein entmachtet worden. Gegen dessen Willen hatte die SS zuvor ein Internierungslager auf dem Gelände der Vulkanwerft eingerichtet und ab Ostern damit begonnen, Sozialdemokraten, Gewerkschafter und Kommunisten zu verhaften und dorthin zu bringen – unter ihnen der Maurer Max Roggisch, Mitglied der KPD und Vertrauensmann der Baufirma Schlieske. Später würden Historiker dieses Lager als erstes KZ des Naziregimes bezeichnen. » ganz lesen

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publiziert am 27.12.17 in Fotoalbum ¦ 222x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Manuela fährt Rad

Bist du jüdisch? fragt Hamza. Die Gruppe hat sich vor dem Ferienheim aufgebaut. Hinten stehen die Großen, davor die Kleineren, fünf Kinder liegen im Gras. Dazu die Fahrräder. Manuela ist die dritte von links in der mittleren Reihe. Und wenn? antwortet sie. Na, sagt Hamza, dann bist du ein schlechter Mensch, weil alle Jüdischen schlechte Menschen sind. Der Fotograf ruft: Jetzt alle mal Spaghettisoße sagen! Die Teilnehmer an der Radtour lächeln oder grinsen oder auch nicht, nur Manuela und Hamza gucken nicht in die Kamera. » ganz lesen

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publiziert am 27.12.17 in Fotoalbum ¦ 208x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Jelles Tränen

Wer weiß, was den Furzknoten dazu getrieben hatte, mich in den Glaskasten zu verbannen. Offiziell begründete der große Inhaber die Maßnahme damit, ich sei jetzt Führungskraft und müsse zu meinen Untergebenen Distanz wahren. So dürfe ich die Kollegen, denen ich nun vorgesetzt war, nicht mehr duzen, sondern müsse sie siezen. Das ist so ungefähr der Psychoquark meines Chefs, der sich für klug und gewitzt hält. Mich aber zwang es dazu, nicht mehr an der Nahtstelle zwischen Konzeption und Grafik zu sitzen, sondern am anderen Ende des verwinkelten Großraumbüros in einer Kabine. » ganz lesen

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publiziert am 25.12.17 in Paare ¦ 212x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Hannes’ würdevolle Beerdigung (1)

Auch wer Hannes als Kind nicht gekannt hatte, fand ihn auf dem Einschulungsfoto von Ostern 1938 sofort heraus. Zu typisch seine Physiognomie, das spitze Gesicht, schon in ganz jungen Jahren immer etwas hager, die kleinen, ein wenig zu eng zusammenstehenden Augen und der deutliche Überbiss. Auf dem Totenbeet hatte er sich seinem Aussehen im Alter von sechs Jahren auf eigenartige Weise wieder angenähert. Er sieht erstaunt aus, ging es Jupp durch den Kopf als er an der Leiche stand, die man im Gastraum aufgebahrt hatte. Vielleicht hätten sie ihn rasieren sollen, dachte er außerdem, denn am toten Gesicht wirkten die schwarzen und grauen Stoppeln wie Schimmel an einer Badezimmerwand. Anne saß auf der Bank am Stammtisch und hatte ein kariertes Taschentuch in der Hand, das sie wieder und wieder knetete. » ganz lesen

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publiziert am 25.11.17 in 3 Blinde Mäuse ¦ 285x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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