Die Seite 5

Jelles Tränen

Wer weiß, was den Furzknoten dazu getrieben hatte, mich in den Glaskasten zu verbannen. Offiziell begründete der große Inhaber die Maßnahme damit, ich sei jetzt Führungskraft und müsse zu meinen Untergebenen Distanz wahren. So dürfe ich die Kollegen, denen ich nun vorgesetzt war, nicht mehr duzen, sondern müsse sie siezen. Das ist so ungefähr der Psychoquark meines Chefs, der sich für klug und gewitzt hält. Mich aber zwang es dazu, nicht mehr an der Nahtstelle zwischen Konzeption und Grafik zu sitzen, sondern am anderen Ende des verwinkelten Großraumbüros in einer Kabine. » ganz lesen

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publiziert am 25.12.17 in Paare ¦ 379x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Hannes’ würdevolle Beerdigung (1)

Auch wer Hannes als Kind nicht gekannt hatte, fand ihn auf dem Einschulungsfoto von Ostern 1938 sofort heraus. Zu typisch seine Physiognomie, das spitze Gesicht, schon in ganz jungen Jahren immer etwas hager, die kleinen, ein wenig zu eng zusammenstehenden Augen und der deutliche Überbiss. Auf dem Totenbeet hatte er sich seinem Aussehen im Alter von sechs Jahren auf eigenartige Weise wieder angenähert. Er sieht erstaunt aus, ging es Jupp durch den Kopf als er an der Leiche stand, die man im Gastraum aufgebahrt hatte. Vielleicht hätten sie ihn rasieren sollen, dachte er außerdem, denn am toten Gesicht wirkten die schwarzen und grauen Stoppeln wie Schimmel an einer Badezimmerwand. Anne saß auf der Bank am Stammtisch und hatte ein kariertes Taschentuch in der Hand, das sie wieder und wieder knetete. » ganz lesen

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publiziert am 25.11.17 in 3 Blinde Mäuse ¦ 459x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Hautfarben

Vor ein paar Jahren hatte Silke einen Aquarellierkurs belegt. Die Dozentin war eine ältere Dame mit grauen Haarschnecken über den Ohren. Im dritten Semester ging es um das Porträtieren, und die Kursleiterin sagte in jeder Stunde mindestens einmal das Wort hautfarben. Silke konnte damit nichts anfangen. Als ob die Haut eine Farbe habe. Wann immer sie Leute nackt oder nur in Badebekleidung gesehen hatte, wat ihr aufgefallen, wie viele verschiedene Farben die Oberfläche eines Menschen aufwies. Aber die Lehrerin hatte eine bestimmte Vorstellung von Hautfarbe und wollte sie ihren Schülern aufzwingen. Das gefiel Silke nicht, und sie nahm sich vor, nur noch dunkelhäutige Personen zu malen und begann mit einem Selbstporträt. » ganz lesen

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publiziert am 11.11.17 in Paare ¦ 513x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Rache im Konjunktiv

Stell dir einen Bären im blauen Monteursoverall vor. Nur ohne niedliche Knopfaugen, ohne Lacknäschen und ohne pelzige Puschelohren. Stattdessen setz einen gewaltigen Schädel drauf. Mit meerblauen Seeschlitzen, einem Wust rotblonder Haare und einem Mund, bei dem die Lippen nie ganz stillstehen. Wie auch seine Hände. Großflächig und wulstig und immer in Bewegung. Wenn er spricht, knetet er die Finger oder wedelt wie ein Dirigent. Laut seiner Musterungsakte exakt zwei Meter und acht Zentimeter groß. Damals wog er um die einhundertfünfzig Kilo, vorwiegend Muskelmasse, weil er seine Tage im Sportstudio verbrachte, während er nachts am Schlachthof arbeitete. Ich denke, Ewald hat seine Elise wirklich geliebt. » ganz lesen

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publiziert am 31.10.17 in Paare ¦ 539x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Weite Ebene

Möth befindet sich in der Mitte einer weiten, kargen Ebene und schaut sich um. Er war schon einmal in einer ähnlichen Situation, auf einer leeren, staubigen Fläche. Das war der Betondeckel einer Giftmülldeponie in Brandenburg. Jetzt aber sieht es aus wie auf einem trockenen Salzsee in Utah, wo Weltrekordfahrten stattfinden. Er weiß nicht, wie er an diesen Ort geraten ist, er weiß nur, aus welchem Grund: Er ist mit Anna verabredet. Und dann spricht eine Stimme aus großer Höhe: Hartmut, wartest du? Sie kommt gleichzeitig aus der Luft und aus seinem Kopf. Er nickt. » ganz lesen

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publiziert am 29.10.17 in Paare ¦ 506x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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