Die Seite 6

Die Verteidigung

Die Dame richtet sich in ihrem Stuhl auf und saß nun kerzengerade mit durchgedrückten Rücken zwischen den Verteidigern. In dieser Haltung sah man Edith ihr hohes Alter von achtundachtzig Jahren nicht an, zumal sie ausgesprochen jugendlich gekleidet war und das weiße Haar kurzgeschnitten trug. Natürlich hatte sie in Richter Zisser jenen Richard wiedererkannt, der vor beinahe einem halben Jahrhundert ihr Liebhaber war. Damals waren die Verhältnisse umgekehrt. Ihr Gatte, der Graf von Dithausen, ein höflicher und zurückhaltender Mensch, ging auf die achtzig zu als er eine gewisse Edda heiratete, eine Studentin, die im Begriff war, ihr Diplom bei seinem Sohn an der Universität abzulegen. » ganz lesen

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publiziert am 18.04.20 in Fünf ¦ 234x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Der Liste

Ein hässlicher Herbst war eingezogen mit Dauerregen Tag und Nacht. Georg Scholl hatte zweimal versucht, den Rehbock zu schießen, den er schon länger im Auge hatte. Aber in der Mischung aus tiefhängenden Wolken, feuchter und diesiger Luft wra die Sicht zu schlecht. Nun verließ er das Haus nicht mehr. Die Vorräte würden für einige Wochen reichen. Auf eine lange Selbstisolation war er bestens vorbereitet. Und wenn ihn hungernde Städter nach einer Katastrophe oder im Kriegsfall im Torhaus des Gutes aufstöbern würden, könnte er immer noch in den Keller des leerstehenden Herrschaftsgebäude wechseln. Den hatte er entsprechend ausgebaut und ausgerüstet. Da könnte er locker ein Jahr überleben. An diesem Dienstag Ende Oktober hatten die Niederschläge ein wenig nachgelassen und zu Sprühregen geworden. » ganz lesen

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publiziert am 17.04.20 in Fünf ¦ 239x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Der gerade Weg

Als dem Journalisten Ulrich Bronner gestattet wurde, die Angeklagten in der Untersuchungshaft zu besuchen, um mit ihnen, so sie denn bereit dazu waren, Interviews zu führen, war es der Terrorist, der in den Medien als Axel L. bezeichnet wurde, der ohne Zögern zugestimmt hatte. Der Mann, den man mit einem selbstgebauten Sprengkörper am Leib in seinem Auto erwischt hatte, brauchte keine Frage, um sofort mit der Erzählung zu beginnen; Bronner hatte kaum Zeit, das Aufnahmegerät einzuschalten. » ganz lesen

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publiziert am 17.04.20 in Fünf ¦ 237x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Die Rettung

Er hatte keine Ahnung wie er in diese Situation geraten war. Richter Zisser war am Vormittag eines angenehmen Vorfrühlingstag aufgebrochen mit seinem Oldtimer. Der müsse mal bewegt werden, hatte er seiner Lebensgefährtin gesagt. Mit geöffnetem Verdeck war er übers platte Land gefahren, ohne festes Ziel. An der Luft, die ihn umwehte, und am Geräusch des alten Sechszylinders hatte er sich erfreut, und natürlich an den Blicken der Männer, wenn er durch eine Ortschaft kam. Er konnte sich in sie hineinversetzen, er wäre auch neidisch gewesen, wenn ein Typ mit einem derart schönen Auto vorbeigekommen wäre. Als er auf einer in sanften Kurven schwingenden Landstraße durch einen Mischwald auf einer Anhöhe kam, spürte er, dass er pinkeln musste. » ganz lesen

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publiziert am 05.04.20 in Fünf ¦ 262x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Unterwegs mit dem Örtzel

Damals als wir noch in der Nähe des F.-Parks wohnten, gab es in der Nachbarschaft einen kleinen, dicken Mann, der Tag für Tag auf den Straßen unterwegs war. Weil er mit lauter Stimme jeden ansprach, der ihm begegnete, konnte man ihn schon von Weitem hören. Zumal er mit hoher Kinderstimme redete und mit einer regionalen Färbung, die ich nie so ganz zuordnen konnte. Offensichtlich wusste der Kerl, den Alteingesessene den Örtzel nannten, viel über die Leute in seiner Gegend, denn er stellte bei den Begegnungen ziemlich spezifische Fragen nach ihrem Tun und Treiben. Dabei blieb er immer einigermaßen ernst, ich habe ihn in all den Jahren nie lachen hören oder grinsen sehen. Selbst Lächeln gehörte wohl nicht zu seiner Mimik. » ganz lesen

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publiziert am 22.03.20 in Stadtgeschichten,Typen ¦ 276x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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