Die Seite 85

Macht kaputt

Hansherbert hatte seinen Job verloren. Man hatte ihm gekündigt nachdem sein Arbeitgeber den größten Auftrag verloren hatte. “Und die beiden Geschäftsführer haben nichts dagegen unternommen,” sagte er wütend als wir im kleinen Kreise in der Bar am Schollpark saßen. Thibaud war überraschend dazugekommen und brachte gerade eine neue Runde Wodkadrinks vom Tresen. Wir prosteten uns schweigend zu. “Hast du denn noch nie davon geträumt, mit einer Pumpgun in die Firma zu gehen und all die Arschlöcher umzunieten?” Thibaud sah mich fragend an. “Natürlich,” gab ich zurück, “aber meine Rachephantasie sieht so aus, dass ich im gesamten Treppenhaus alles mit Kreosin tränke und unten im Foyer das entscheidende Streichholz werfe.” Niemand lachte. Nur Hansherbert grinste: “Na ja, dem einen Chef mal eben die Reifen an seinem Porsche zu zerstechen, das wär’s schon wert.” Didi grinste und leerte sein Glas. “Neulich habe ich meine alten Schallplatten aus dem Keller geholt, den Plattenspieler angeschlossen und Musik aus den Siebzigern gehört,” erzählte Thibaud. Björn gähnte. “Die Scherben zum Beispiel.” Hansherbert reckte sich: “Schon klar: Macht kaputt, was euch kaputt macht.” – “Ja,” sagte Thibaud, “das sind einfach Wahrheiten. Wer oder was ist es, dass uns so schadet, dass wir uns rächen wollen? Und wenn du es herausgefunden hast, dann musst du was tun.” Didi reagierte als Erster: “Was denn? Waffen kaufen und Amok laufen?” Thibaud gab keine Antwort.

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publiziert am 23.11.06 in Thibaud ¦ 1419x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Zufrieden

Völlig überraschend kam eine Einladung von Thibaud. Er sei wieder zurück in der Stadt und habe sogar sein altes Haus wieder mieten können. Ulla wohne gleich um die Ecke. Es solle ein Fest sein so wie früher. Tatsächlich trafen wir alle beinahe gleichzeitig ein. Zu zehnt oder zwölft standen wir vor dem Tor und wussten nichts zu sagen. Der Garten war in einem guten Zustand, und innen hatte Thibaud umfangreiche Umbauten ausführen lassen. Das Erdgeschoss war zu einem einzigen großen Raum geworden, tragende Wände durch runde Stahlsäulen ersetzt. Ulla stand hinter der Küchentheke und war mit den letzten Handgriffen bei der Zubereitung des Essens beschäftigt – eine große, stille Frau, etwa in Thibauds Alter, die jedem einzelnen die Hand gab, aber wenig mehr als eine Begrüßungsfloskel von sich gab. » ganz lesen

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publiziert am 25.10.06 in Thibaud ¦ 1442x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Monaden

Irgendwann begann Thibaud damit, uns Mails zu schicken. Sie entsprechen in Inhalt und Stil den Vorträgen, die er früher bei unseren Gruppentreffen gehalten hatte. Nur Zilly und ich wussten, dass er mittlerweile mit Ulla einen Landgasthof betrieb, in einem öden Dorf in der Nähe der holländischen Grenze. Besuche hatte er sich allerdings verbeten, und er berichtete auch nicht über seine neue Existenz. Wir nahmen an, dass er selbst alle Aufgaben rund um die Küche übernommen hatte, und Ulla die Frau Wirtin gab. » ganz lesen

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publiziert am 07.08.06 in Thibaud ¦ 1436x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Talente

Tatsächlich hatte Thibaud auch nach drei Monaten immer noch mit keinem von uns geredet. Nicht einmal Hansherbert, der Thibaud völlig kritiklos bewunderte, hatte ihm diese Konsequenz zugetraut. Kurz bevor wie begannen, uns Sorgen um ihn zu machen, begann er, kurze Mails an uns alle zu schicken, wobei wir nicht sicher waren, ob jeder von uns bei allen Mails auf der Verteilerliste stand. Es gab da eine Nachricht, von der ich annahm, dass niemand außer mir sie erhalten hatte. Zu sehr spielte der Inhalt auf eine Diskussion an, die wir vor Jahren geführt hatten, kurz bevor Thibaud sich entschloss, wieder als Dozent zu arbeiten. Die Botschaft kam ohne Anrede und hatte folgenden Wortlaut: » ganz lesen

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publiziert am 04.07.06 in Thibaud ¦ 1400x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Legenden

“Jeder Mensch betreibt doch Legendenbildung über das eigene Leben – der eine, indem er viel redet, der andere, indem er schweigt,” sagte Thibaud und schwieg von diesem Augenblick an siebzehn Monate lang.
Hansherbert behauptete eines Abends, wir saßen beim Bier, er habe Thibaud gut verstanden. Wer ständig Anekdoten erzählt, selbst Erlebtes berichtet und die Geschichten ausschmückt oder erfindet, der muss fürchten, dass die Lügen eines Tages auffliegen. Und deshalb schweige Thibaud. “Blödsinn,” sagte Zilly, “er will sich durch sein Schweigen bloß wieder wichtig machen.”

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publiziert am 17.04.06 in Thibaud ¦ 1453x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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