Die Seite 86

Legenden

“Jeder Mensch betreibt doch Legendenbildung über das eigene Leben – der eine, indem er viel redet, der andere, indem er schweigt,” sagte Thibaud und schwieg von diesem Augenblick an siebzehn Monate lang.
Hansherbert behauptete eines Abends, wir saßen beim Bier, er habe Thibaud gut verstanden. Wer ständig Anekdoten erzählt, selbst Erlebtes berichtet und die Geschichten ausschmückt oder erfindet, der muss fürchten, dass die Lügen eines Tages auffliegen. Und deshalb schweige Thibaud. “Blödsinn,” sagte Zilly, “er will sich durch sein Schweigen bloß wieder wichtig machen.”

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publiziert am 17.04.06 in Thibaud ¦ 1471x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Kinder machen

Zilly hatte mich gefragt, ob ich ihr ein Kind machen wolle. Irgendwie war ich heil aus der Situation herausgekommen, ohne eine Antwort geben zu müssen und ohne sie zu erzürnen. Ich fuhr spontan zu Thibaud, nicht um mit ihm die Sache zu diskutieren und seinen Rat einzuholen. Mir schien, dass einer seiner abgehobenen Monologe mich für ein paar Stunden aus diesem Dilemma befreien könnte. Ja, ich liebe Zilly sehr. Wir sind seit fast vier Jahren zusammen und es sieht so aus, als ob wir nicht nur vier weitere Jahre zusammenleben werden. Für weitreichende Pläne sind wir zu alt, unsere Niederlagen haben wir überlebt, wir wollen es uns eigentlich nur noch gut gehen lassen. Mir war immer klar, dass die Frage nach dem gemeinsamen Kind auftauchen würde. » ganz lesen

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publiziert am 31.03.06 in Thibaud ¦ 1433x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Kampfhund

bullterrierThibaud hatte sich einen Hund zugelegt. Beziehungsweise: Ihm war einer zugelaufen. Eine seiner Seminarteilnehmerinnen, ein schweres, westfälisches Mädchen, deren Mutter aufgrund sexueller Frustration zur radikalen Tierschützerin geworden war, berichtete, dass bei ihr zu Hause, einer typischen Doppelhaushälfte am Rande von Lüdenscheid, inzwischen siebzehn Hunde lebten, und dass sie fürchte, ihrer Mutter würde die Sache über den Kopf wachsen, was mit ziemlicher Sicherheit in der Psychatrie enden würde. Die junge Frau hatte einen weißen Welpen mitgeführt, den sie, genau wie einige andere Tiere aus dem Haus ihrer Mutter, weiterzugeben gedachte. Es handele sich vermutlich um das Ergebnis einer Beziehung zwischen einem Galgo und einem Pitbull-Terrier, sagte die Westfälin, der circa zehn Monate alte Rüde stamme aus einem Tierheim in Toledo und sei, wie die meisten Hunde ihrer Mutter, von einer Hunderettungsinitiative nach Deutschland transportiert worden. » ganz lesen

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publiziert am 24.02.06 in Thibaud ¦ 1573x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Lustschrei

Das hatte sich Thibaud anders vorgestellt. Er hatte sich ausgemalt, dass Tizla käme in einem schlichten, schwarzen Kleid, dass er ein wunderbares Essen und herrlichen Wein servieren würde, dass er sie verzaubern könnte und dass er dann Sex mit ihr haben würde. Tizla Tunc hieße sie, berichtete er, als wir spät in der Nacht noch zu ihm kamen, nachdem er uns angerufen und um Beistand gebeten hatte. Tizla Tunc, das könne nur ein Künstlername sein, vermutete ich, aber Thibaud schüttelte den Kopf, es sei ihr richtiger Name. Sie sei Serbin, erzählte er und schilderte sie als knabenhafte, schwarzhaarige Frau mit rauer Altstimmme. Ihr Gesicht habe etwas Asiatisches, und ihre Hüften seien ein bisschen breit, obwohl sie insgesamt schmal, ja, auch ziemlich flachbrüstig sei. Aber das spiele keine Rolle. Tizla sei noch sehr jung, kaum sechsundzwanzig Jahre, sehr selbstbewusst, und er habe sie im Seminar kennen gelernt. Sie habe seine Einladung freudig angenommen, und er habe sich sehr auf den Abend und die Nacht, das gab er zu, gefreut. Aber sie sei nicht gekommen, habe auch nicht abgesagt. » ganz lesen

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publiziert am 15.02.06 in Thibaud ¦ 1616x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Kreuzzug

“Endlich,” sagte Thibaud, “bin ich vom Bier weg. Ich habe mich dem Wein zugewandt.” Er stand vor uns, die Haare milimeterkurz geschoren, in einem olivgrünen Feldhemd mit den Abzeichen der serbischen Armee. Die schwarze Baumwollhose fiel über ebenfalls schwarze Turnschuhe, die außen einen grünen Stern trugen. “Es ist eine Häutung,” fügte er hinzu. “Das sieht man,” sagte Zilly und grinste. “Nimm es ernst, meine Liebe. Nimm mich ernst. Es ist schmerzhaft. Stell dir vor, dir würde deine Haut zu eng. Jede Bewegung tut weh. Du spürst, dass dein Körper seinen Panzer abwerfen will. Das Denken wird wild. Deine Sinnesorgane schärfen sich. Du weißt genau, dass du einen Krieg führen wirst.” Er hatte einen mächtigen Tisch aus gebürstetem Edelstahl in die Küche gestellt und öffnete eine Flasche Rotwein aus dem Kosovo. Stellte schwere Pressglasgläser hin. » ganz lesen

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publiziert am 05.02.06 in Thibaud ¦ 1584x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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