Die Seite 87

Zorn & Trauer

Oft kam es mir so vor, als täte Thibaud alles, nur um uns zu beeindrucken. Jede seiner überraschenden Wendungen erschien uns zu spontan, zu unlogisch und zu radikal, als dass sie keiner Strategie folgen würde. Neulich trafen wir ihn zufällig im Café Zentral, wo er an einem Einzeltisch saß und etwas mit dem Bleistift in ein schwarz gebundenes Notizbich schrieb. Er trug ein Tweed-Sakko, das wir noch nie an ihm gesehen hatten, eines mit Lederflicken auf den Ellenbogen, dazu ein zerknittertes, dunkelblau gestreiftes Hemd. Im Aschenbecher qualmte ein Zigarette, vor ihm stand ein Glas Rotwein. Zilla sprach ihn an. Thibaud blickte kaum auf und bedeutete uns, sich zu ohm zu setzen. Dann blickte er auf und sagte: “Ihr seht, ich schreibe wieder. Um mir das zu ermöglichen, habe ich meinen Computer fortgeworfen.” Hanshubert starrte ihn ungläubig an: “Den neuen iMac?” Thibaud lächelte ihn an und bestätigte: “Ja, den brandneuen iMac.” Auch ich war erstaunt, hatte sich Thibaud doch bisher als jemand erwiesen, der jede technische Neuerung begeistert angenommen und zu nutzen versucht hatte. Ja, er hatte uns alle von tragbaren Mp3-Playern überzeugt, von LCD-Fernsehern, Digital-Kameras und Multifunktions-Handys. Wir hatten angeschafft, was er empfahl. » ganz lesen

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publiziert am 27.12.05 in Thibaud ¦ 1643x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Fleischwolf

“Wenn wir das, was wir mit unseren Hirnen anstellen, nämlich auf der Ebene permanenter Selbstreferenz das bereits Gedachte immer wieder denken, mit unseren Körpern täten, würden wir uns innerhalb kürzester Zeit selbst verdauen”, sagte Thibaud als Einleitung. Wir waren alle eingeladen in seine neue Küche. Er stand an der Herdinsel, hatte einen schwarze Kochjacke an und die langen grauen Haare unter einem schwarzen Kopftuch verborgen. Seit ein paar Monaten war er der Kocherei verfallen und hatte sich von uns zum Geburtstag alle möglichen Utensilien für die Küche gewünscht. Und an diesem Abend wollte er uns vorführen, was er damit zu erzeugen in der Lage war. Auf der Arbeitsplatte hinter ihm stand der schwere stählerne Fleischwolf. » ganz lesen

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publiziert am 16.11.05 in Thibaud ¦ 1526x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Gerechtigkeit

Thibaud hatte sich in Rage geredet. Er fuchelte mit den Händen in der Luft herum, und was er sagte, klang atemlos: “Gerechtigkeit, ihr fordert Gerechtigkeit! Dabei wisst ihr doch gar nicht, was das ist. Im Wörterbuch der Gebrüder Grimm finden sich dreizehn Bedeutungen des Wortes. Wenn ihr Gerechtigkeit fordert, dann wollt ihr in Wirklichkeit nur ausdrücken, dass ihr einen bestimmten Zustand ungerecht findet. Ungerecht fühlt ihr euch behandelt, weil ihr nicht das bekommt, von dem ihr annehmt, dass es euch zusteht. Nach Recht solltet ihr verlangen! Nach dem Einhalten der Gesetze! Denn ihr bekommt das, was ihr euch wünscht, was ihr wollt oder braucht, oft nicht, weil Andere die Gesetzte nicht einhalten. Wenn ihr für Gerechtigkeit wäret, dann müsstet ihr aufstehen und Gerechtigkeit für alle fordern. Aber ihr seid dermaßen in eurem Anspruchsdenken verhaftet, dass ihr über euren kleinen, uninteressanten egoistischen Tellerrand nicht hinaus zu blicken vermögt. Das Recht bringt Klarheit über das, was die Teilnehmer eines sozialen Systems im Rahmen der Verwirklichung ihrer eigenen Interessen tun dürfen. Das Recht beschränkt das Handeln. Denn täte es das nicht, dann würde das Mädchen die alte Frau erschlagen, weil ihr deren Armreif gefällt und sie ihn besitzen möchte. Gäbe es kein Recht, gäbe es auch keinen Handel, den jeder würde jeden betrügen. Wenn jemand euch erklärt, dass ihr auf dieses oder jenes keinen Anspruch habt, dann regt ihr euch grundsätzlich auf. Ihr seht nicht, dass die Durchsetzung euren Anspruchs die Rechte anderer Menschen verletzten würde. Ihr seid zu beschränkt, überhaupt wahrzunehmen, wie oft ihr andere Menschen schädigt, weil ihr eure Interessen über die anderen stellt. Das beginnt doch schon damit, dass ihr eure überdimensionierten Autos einfach auf der Fahrbahn abstellt und damit Hunderte anderer Autofahrer behindert, nur weil ihr mal eben was besorgen wollt. Und das endet noch lange nicht, wenn ihr fordert, man möge euch eine Rente zahlen, während eure Nachbarn hungern.” » ganz lesen

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publiziert am 19.10.05 in Thibaud ¦ 1725x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Tyrannenmord

Thibaud kam spät und machte einen gehetzten Eindruck. Er schob sich auf den Platz neben mir und blieb unruhig. Auch schien er mir ein wenig derangiert, zumindest ungewöhnlich gekleidet. Unter dem üblichen Tweed-Sakko mit den Lederflicken auf den Ellenbogen trug er ein knallrotes T-Shirt mit schwarzem Aufdruck. Ich bemühte mich zu lesen, was darauf stand, aber mein Blickwinkel war ungünstig. Außerdem nestelte Thibaud ständig am Jackett. Zilly hatte ihre Präsentation schon begonnen, und das Auditorium folgte ihren Ausführungen mit großer Konzentration. Dann hatte sie den letzten Satz gesagt und ihr Manuskript zusammengerafft. Das Publikum honorierte den Vortrag durch lautes Klopfen auf den Pulten, die an den Rückenlehnen der Stühle angebracht waren. Während Zilly gerade das Podium verließ, drängelte sich Thibaud an mir vorbei und eilte zur Bühne. Er nahm den Platz hinter dem Rednerpult ein, bog das Mikrofon zurecht und sagte: “Auch wenn dies ein Kongress zum Thema ‘Gewaltloser Widerstand in den Zeiten der schwachen Repression ist’, habe ich nur einen Kommentar abzugeben.” Er trat einen Schritt beiseite und zog das Sakko aus. Auf dem roten T-Shirt stand in schwarzen Lettern der Satz: ‘Tyrannen stürzen nur durch Terror’. » ganz lesen

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publiziert am 03.10.05 in Thibaud ¦ 2455x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Tätowierungen

tattooIn vielen Fällen war niemandem von uns klar, worauf Thibaud mit seinen Aktionen hinaus wollte. An seinen ständig wechselnden Kleidungsstil, an seine verschiedenen Frisuren hatten wir uns über die Jahre gewöhnt, auch die Tatsache, dass sein Gewicht und damit sein Umfang sich ständig innerhalb recht weit gefasster Grenzen änderte, ließ uns nach ein paar Jahren kalt. Mir hatte er einmal ganz beiläufig erzählt, dass der eigene Körper sein liebstes Spielzeugt sei. “Weißt du”, sagte er, “es gibt doch keine größere Freiheit als die des Körpers. Ich kann damit tun und lassen, was ich will. In den meisten Fällen bewege ich mich dabei ja sogar im Rahmen der Gesetze. Deswegen verstehe ich auch nicht, welches Recht sich der Staat herausnimmt, mich am Konsum von Drogen zu hindern.” Dabei nahm er einen ordentlichen Mundvoll Kräuterrauch aus der Wasserpfeife, die zwischen uns auf den Holzdielen der Terrasse stand. “Natürlich”, fuhr Thibaud fort, “ist reines Epigonentum bei körperverändernden Maßnahmen albern – man betrachte nur diese Tätowierungen junger Frauen oberhalb ihres verlängerten Rückens…” – ” Du meinst ein Arschgeweih”, warf ich ein. Thibaud schüttelte sich vor Lachen, denn den Ausdruck hatte er zuvor nicht gehört. » ganz lesen

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publiziert am 15.09.05 in Thibaud ¦ 7989x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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