Die Seite 88

Bleistift & Papier

bleistifteIm Sommer trafen wir uns in dem Landgasthaus, das Thibaud und Ulla vor ein paar Jahren bewirtschaftet hatten. Unter der Linde hatte man einen langen Tisch für uns aufgebaut. Die Luft war mild, und wir saßen da zusammen, aßen, tranken und plauderten. Fast jeder hatte ein neues technisches Gerät dabei. Olav führte seinen iPod vor, und Karola zeigten den Freundinnen ihren EeePC. Natürlich hatte auch Hansherbert sein Notebook dabei und tippte eifrig Notizen für seine nächsten Artikel ein. Thibaud aber, der bisher der beflissenste Verteidiger des digitalen Zeitalters war, hielt sich raus und sag spöttisch in die Runde. Dann zog er ein Etui heraus und entnahm ihm einen Bleistift. Aus der Jackentasche zog er ein Notizbuch, das in schwarzes Kunstleder gebunden war. Er hielt beides hoch und sagte: “Das sind die wahrhaft unabhängigen Geräte zum Schreiben. Wenn eure Akkus schon längst leer sind und ihr nichts mehr tippen könnt, bin ich immer noch in der Lage, meine Notizen anzulegen. Und weil das so ist, prophezeie ich eine Renaissance von Bleistift und Papier.” » ganz lesen

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publiziert am 05.01.09 in Thibaud ¦ 1469x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Alberner Tod

“Der Tod kann sehr albern sein. Manchmal macht er sich über seine Opfer lustig, er demütigt sie geradezu. Hört euch nur einmal bei Rettungssanitätern und Notärzten um,” begann Thibaud. Er hatte ein Wasserglas voll mit weißem Wein, einem Riesling, glaube ich, vor sich. Er nahm einen große Schluck bevor er fortfuhr: “Natürlich träumen die meisten Menschen von einem friedlichen, ehrwürdigem Ableben. Manche wünschen sich auch, mitten in einem grandiosen Fick abzutreten, aber das kommt bekanntlich höchst selten vor. Dabei fällt mir eine Anekdote ein, die ich vor Jahren von einem Bestatter hörte.” Er ließ den Blick über die Runde am Tisch schweifen, um sich zu vergewissen, dass wir auch alle zuhörten. » ganz lesen

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publiziert am 04.01.09 in Thibaud ¦ 1545x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Bentley

bentleyEs war bekannt, dass Thibaud auch ein Spieler war, ja, dass er wohl eine Zeitlang spielsüchtig gewesen sein musste. Lange bevor die Gambling-Industrie entstand und die Medien bestach, um das schwachsinnige Pokern per TV in die Hirne der auf das große Geld hoffenden, unbewussten Menschen zu penetrieren, hatte er bereits lange Nächte an illegalen Tischen verbracht, bei Runden, in denen nur Bares zählte und anstelle des öden Texas Hold’em noch echtes Five Card Stud gespielt wurde. Thibaud verfügte über psychologisches Geschick und die Fähigkeit, seine Chancen kühl zu errechnen. Trotzdem verlor er in jenen Jahren große Summen und beschloss zu einem Zeitpunkt als seine Bilanz einigermaßen ausgeglichen war, mit dem Glücksspiel aufzuhören. Natürlich konnte sich niemand von uns vorstellen, dass diese große Persönlichkeit, die dem Gambling abgeschworen hatte, insgeheim regelmäßig und mit relativ hohem Einsatz Lotto spielte. So kam keiner auf die Idee, er könnte einen größeren Gewinn gemacht haben, als er eines Tages in einem dunkelgrünen Bentley-Coupé vorfuhr. » ganz lesen

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publiziert am 01.01.09 in Thibaud ¦ 1291x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Gewaltsam

Mit gemischten Gefühlen erinnerte ich mich dieser Tage eines Erlebnisses im vergangenen Sommer, an dem Thibaud entscheidend beteiligt war. Während in der Schweiz und in Österreich die Fußball-Europameisterschaft ausgetragen wurde, waren wir mit dem Auto unterwegs nach Frankfurt, um Freunde zu besuchen und mit ihnen gemeinsam das Spiel der Türken gegen Kroatien anzuschauen. Wir waren in diese eigenartige WG eingeladen, in der sich eine Gruppe von Leuten versammelt hatten, die samt und sonders von Eltern aus den Teilnehmerländern dieser EM stammten. Thibaud, der sonst nicht sehr am Fußball interessiert war und bis dahin keine der Partien gesehen hatte, freute sich auf den Abend. Er sah es als Experiment und redete die ganze Fahrt über davon, welche Nationalitäten wohl eher zu den Kroaten und welche zu den Türken halten würden. Mit fiel die Wahl leicht, ist doch meine Gefährtin Zilly Tochter eines rheinischen Vaters und einer kroatischen Mutter. Außerdem gefiel mir der kroatische Trainer und sein Rocksong zur Meisterschaft. Natürlich war Thibaud unparteiisch. Wir waren auf der A3 unterwegs, das Wetter war schön, aber der Verkehr an diesem späten Freitagnachmittag war ziemlich dicht. Ich war gerade auf die äußerste linke Spur gewechselt, um eine Karawane aus Wohnmobilen zu überholen, da passierte es. » ganz lesen

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publiziert am 30.12.08 in Thibaud ¦ 1262x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Weihnachtsgeist

Olav und seine neue Freundin hatten in diesem Jahr das Weihnachtstreffen organisiert. Auf der Terrasse ihrer Wohnung im siebzehnten Stock stand ein Christbaum, der sparsam mit Elektrokerzen bestückt war. Sie hatten ein breites Büffet angerichtet und ein Faß portugiesischen Weins bereitgestellt. Nach und nach trafen die Mitglieder der Gruppe ein. Die Stimmung war fröhlich, freundschaftlich, aber nicht ausgelassen angesichts dessen, was wir alle auf uns zukommen sahen. Thibaud erschien als einer der letzten. Ulla würde nachkommen. Dann saßen wir zu sechst am Küchentisch und redeten über unsere Erinnerungen an vergangene Weihnachtsfeste. Olav sagte: “Ich erlebe Weihnachten immer als Mangel. Weil ich nie gelernt habe, das Fest naiv zu begehen. Die Traditionen sind mir fremd. Meine Familie war nicht christlich, überhaupt nicht religiös. Es gab auch keinen bestimmten Grund dafür, dass meine Eltern sich mit dem ganzen Weihnachtsdingen nicht gut auskannten. Vielleicht der Krieg. Aber Vater berichtete, dass er auch als Kind nie Weihnachten mit Christbaum und so weiter gefeiert hatte. Sein Vater war nämlich Proletarier, ein Werftarbeiter und strammer Kommunist, der religiöse Fest als bürgerlichen Kram abtat. Immerhin gab es bei uns an Heiligabend Geschenke.” » ganz lesen

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publiziert am 26.12.08 in Thibaud ¦ 1300x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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