Die Seite 88

Aphorismen

Eine Zeitlang traktierte Thibaud uns mit selbsterdachten Sinnsprüchen. Zu den erträglichsten zählte noch dieser Aphorismus: “Das Leben ist wie eine Straße voller Schlaglöcher: kaum hat man eines ausgebessert und hofft, nun störungsfrei fahren zu können, tut sich das nächste auf.” Wir ließen ihn gewähren, auch wenn wir uns über seine neue Leidenschaft insgeheim lustig machten. Wie ich Thibaud kenne, war ihm völlig bewusst, was wir von seinen küchenphilosophischen Ausreißern hielten. Tatsächlich stellte er mich eine Tages, wir hatten gerade gemeinsam die Magritte-Ausstellung besucht und saßen jetzt im Cafe Pfeife, zur Rede. Ob ich seine Sprüche trivial fände. Nun, sagte ich, ich kann den Nährwert dieser Sätze nicht erkennen. Thibaud räusperte sich und nahm einen Schluck vom doppelten Espresso. Dann sagt er: Mir geht es nicht anders. Aber ich hoffe, dass ich mehr über die Wirkung von Aphorismen lerne, indem ich selbst welche erfinde.
Das war typisch für Thibaud. Nichts war ihm selbstverständlich. Und was er nicht verstand, das probierte er selbst aus. Sein Leben war ein einziger großer Selbstversuch.

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publiziert am 24.07.05 in Thibaud ¦ 3415x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Nackt in Dünen

Vor einigen Jahren verbrachten wir alle zwei Wochen in einem Sommerhaus an der dänischen Nordseeküste. Thibaud war wenige Wochen zuvor von Edith verlassen worden und hatte, um die Nächte nicht allein im Bett verbringen zu müssen, eine Studentin eingeladen, die seit Anfang des Semsters seine Seminare besuchte und ihn offensichtlich verehrte. Gulla, so ihr Name, war zu der Zeit vielleicht einundzwanzig oder zweiundzwanzig Jahre alt, ein zierliches Mädchen mit tiefschwarzen Haaren und von unbestimmt asiatischer Herkunft. » ganz lesen

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publiziert am 14.07.05 in Thibaud ¦ 8734x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Reisebericht

Thibaud sah schlecht aus, müde und abgespannt – wie nach seiner letzten Reise auch. Er hatte den engsten Kreis zu unserem Lieblingsmexikaner eingeladen und läutete den Abend mit einem doppelten Mescal ein. “Ihr erwartet sicher meinen Bericht von der Reise”, begann er, “aber ich muss euch enttäuschen. In jedem Flugzeug, in jeder fremden Stadt, an Traumstränden und im Gebirge, an jedem Ort habe ich nur darüber meditieren können, was es ist, das mich reisen macht.” Er nahm noch einen Mescal, der Kellner kam und nahm die Bestellungen auf. Wir mussten lange auf die Fortsetzung seiner Erklärung warten. » ganz lesen

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publiziert am 19.06.05 in Thibaud ¦ 1666x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Lüge & Verrat

Thibaud war mir immer als extremer Mensch erschienen. Jemand, der extreme Gedanken dachte, und auch vor extremen Taten nicht zurück schreckte. Wir alle bewunderten ihn, fürchteten ihn aber auch, denn er hatte oft genug bewiesen, dass sein schrankenloses Denken und Tun uns zu unbedachten Aktionen herausfordern konnten. Aber letztlich kehrten wir alle wieder in unsere ruhigen und gefahhrlosen Existenzen zurück. Trotz allem war Thibaud kein Guru, kein Missionar, kein Held und auch kein Führer. Edmund hatte einmal angemerkt, dass Thibaud ein Solitär wäre, ein Einzelstück ohne jede Bindung an Konventionen und an Menschen. Zilly hatte dieser Ansicht zu Recht widersprochen mit der Begründung, selbst ein so großer und einsamer Geist wie Thibaud brauche ein Publikum und Menschen, denen er vertrauen kann. » ganz lesen

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publiziert am 07.06.05 in Thibaud ¦ 1654x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Skinheads tot

Auch dieses Mal hatte Thibaud sich nicht bei uns abgemeldet, er verschwand einfach und tauchte nach fast sieben Monaten wieder auf: braungebrannt und mit kurzgeschorenen Haaren. Wir hatten keine Verbindung gesehen zwischen seiner Abwesenheit und dem Mord an den zwei jungen Männern in Rudolstadt. Deshalb kam sein Geständnis umso überraschender. Wir trafen uns mit ihm im Stadtpark am See. Er trug eine Sonnenbrille und wirkte nervös. Er sei noch am gleichen Abend mit dem Auto in die Schweiz gefahren und mit der letzten Maschine von Zürich nach Casablanca geflogen. Dort habe er einen Wagen gemietet um nach Goulimime zu kommen, wo sein Freund Tarek lebt. Am nächsten Tag habe er sich die Haare schneiden lassen und dann eine Dschellabah gekauft. Sein Glück sei es gewesen, dass niemand den Vorfall beobachtet habe, der seine Flucht ausgelöst hatte. » ganz lesen

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publiziert am 10.05.05 in Thibaud ¦ 1761x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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