Die Seite 89

Sysiphos

sysiphosDie Stimmung im Nebenzimmer des Bahrer Hofs war gedrückt. Wir saßen da, tranken unsere Getränke, redeten ein paar Worte mit dem Tischnachbarn, aber nie über den Tisch. Thibaud hatte nicht seinen üblichen Platz am Kopfende eingenommen, sondern hockte ganz hinten auf der Bank. “Wie geht’s dir denn mit deiner neue Freiheit?” versuchte ich ihn ins Gespräch zu ziehen. Ohne aufzuschauen begann er einen Monolog, so leise, dass ich mich zu ihm hinüberbeugen musste: “Gut, gut. Das Geschäft ist besser angelaufen als ich dachte. Halb soviel arbeiten, doppelt soviel verdienen, sage ich allen, die mich fragen. In Wirklichkeit habe ich nackte Angst. Angst davor, dass es abreißt, dass es wieder schlimm wird. Ich rede mit Auftraggebern, ich übernehme Jobs und arbeite stetig. Aber eigentlich suche ich nur nach einem Ausweg. » ganz lesen

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publiziert am 28.02.08 in Thibaud ¦ 1337x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Tanzen

“Tanzen,” rief Henk und beschrieb mit den Armen einen Kreis um seinen Körper, “ist doch das Wichtigste!” Hanshubert kratzte sich am Kopf und zwinkerte mir zu. Wir hatten uns bei Thibaud versammelt, der den Landgasthof aufgegeben hatte, aber noch mit Ulla zusammen dort wohnte. Man hatte die Kneipentische zusammengeschoben. Es gab Gulasch und einen Rotwein aus dem Fass. Henk hüpfte über das Parkett und schlug mit den Flügeln. Man merkte ihm seine Verletzung kaum an. “Seht ihr, seht ihr,” schrie er, “es geht wieder!” Und dabei knickte sein rechtes Bein weg. Er lag auf dem Boden, das Gesicht vom Schmerz verzerrt. Djorda, die ihn direkt aus der Klinik hergefahren hatte, half Henk auf, ich hob ihn auf den Stuhl und reichte ihm ein volles Glas. Thibaud prostete ihm zu. “Es gibt hier im Dorf einen Kerl, manche halten ihn für geistig behindert. Der sagt immer: Ach, wenn ich nur Autofahren könnte, dann würde ich um die ganze Welt fahren. Reisen, das ist doch das Wichtigste. Tatsächlich ist er nie von hier weggekommen.” Henk knallte das Glas auf den Tisch und sah wütend aus. “Was man nicht kann oder nicht mehr kann, ist immer das Wichtigste,” fuhr Thibaud fort.

Henk und Djorda aßen schweigend ihre Teller leer und verabschiedeten sich früh.

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publiziert am 08.11.07 in Thibaud ¦ 1213x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Kläffer

“Ach,” sagte Thibaud mit einem resignierten Schulterzucken, “wenn man öffentlich ist, dann muss man einfach damit umgehen können, dass es sich kleine Lichter nicht nehmen lassen, einen anzugreifen.” Auch Heinzherbert nickte, obwohl sein öffentliches Dasein sich im wesentlichen darauf beschränkte, regelmäßig in den angesagten Wirtshäuser der Stadt aufzulaufen und von Tisch zu Tisch zu grüßen. “Früher habe ich zurückgebellt, wenn die Köter mich ankläfften. Heute sage ich mir: Lass sie leben in ihrer kleinen, grauen Welt, die sie für ein Universum halten, lass ihnen ihre Eitelkeiten, ihre unbefriedigten Sehnsüchte, lass ihnen das bisschen, auf das sie stolz sein können.” Natürlich fragte Oya, ob es einen aktuellen, konkreten Anlasse für Thibauds Äußerungen gab. Aber der winkte nur ab, murmelte etwas von Aufträgen, die im Rahmen einer Kungelei zu verteilen gewesen wären, aber dann nicht zustande kamen, und nahm einen Schluck vom Riesling. Es wurde noch ein netter Abend, die Gespräche bewegten sich auf hohem Niveau.

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publiziert am 07.09.07 in Thibaud ¦ 1234x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Männer & Frauen

Zilla hatte von einem Kollegen erzählt, dessen Frau ihn verlassen hatte. Sie hatte nicht nur die drei Kinder mitgenommen, sondern das Haus komplett leer geräumt. Als der Mann von einer Dienstreise heim kam, fand er nur seine persönlichen Sache, alle Möbel und sonstigen Gegenstände waren weg. Thibaud schaltete sich ein und sagte: » ganz lesen

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publiziert am 12.07.07 in Thibaud ¦ 1279x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Monolog über die Gerechtigkeit

Der folgende Text ist Thibauds Monolog über die Gerechtigkeit wie ihn Ulla aus dem Gedächtnis aufgezeichnet hat. Sie erzählte, er habe vor seinem PC gesessen wie ihmmer, den Bürostuhl auf maximaler Höhe, sodass nur die Fußspitzen den Boden berührten, sehr aufrecht, die Hände unbeweglich auf der Tastatur ruhend und den Blick fest auf das Display geheftet. Er habe zunächst sehr bedächtig gesprochen, sich dann aber in eine wütende Rede gesteigert, die in einem langen Schrei geendet sei. Die ersten beiden Sätze habe sie nicht gehört und nicht aufschreiben könne; sie habe diese aber entsprechend des ürbigen Monologs ergänzt. Ich bin der Meinung, Ulla hat sich diese ersten Sätze ausgedacht, ja, vielleicht hat sie sich das alles nur ausgedacht, um diese Aussagen zu rechtfertigen, mit denen sie uns so beeinflussen will, wie Thibaud das sonst tut. » ganz lesen

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publiziert am 18.04.07 in Thibaud ¦ 1297x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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