Die Seite 92

Kampfhund

bullterrierThibaud hatte sich einen Hund zugelegt. Beziehungsweise: Ihm war einer zugelaufen. Eine seiner Seminarteilnehmerinnen, ein schweres, westfälisches Mädchen, deren Mutter aufgrund sexueller Frustration zur radikalen Tierschützerin geworden war, berichtete, dass bei ihr zu Hause, einer typischen Doppelhaushälfte am Rande von Lüdenscheid, inzwischen siebzehn Hunde lebten, und dass sie fürchte, ihrer Mutter würde die Sache über den Kopf wachsen, was mit ziemlicher Sicherheit in der Psychatrie enden würde. Die junge Frau hatte einen weißen Welpen mitgeführt, den sie, genau wie einige andere Tiere aus dem Haus ihrer Mutter, weiterzugeben gedachte. Es handele sich vermutlich um das Ergebnis einer Beziehung zwischen einem Galgo und einem Pitbull-Terrier, sagte die Westfälin, der circa zehn Monate alte Rüde stamme aus einem Tierheim in Toledo und sei, wie die meisten Hunde ihrer Mutter, von einer Hunderettungsinitiative nach Deutschland transportiert worden. » ganz lesen

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publiziert am 24.02.06 in Thibaud ¦ 1460x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Lustschrei

Das hatte sich Thibaud anders vorgestellt. Er hatte sich ausgemalt, dass Tizla käme in einem schlichten, schwarzen Kleid, dass er ein wunderbares Essen und herrlichen Wein servieren würde, dass er sie verzaubern könnte und dass er dann Sex mit ihr haben würde. Tizla Tunc hieße sie, berichtete er, als wir spät in der Nacht noch zu ihm kamen, nachdem er uns angerufen und um Beistand gebeten hatte. Tizla Tunc, das könne nur ein Künstlername sein, vermutete ich, aber Thibaud schüttelte den Kopf, es sei ihr richtiger Name. Sie sei Serbin, erzählte er und schilderte sie als knabenhafte, schwarzhaarige Frau mit rauer Altstimmme. Ihr Gesicht habe etwas Asiatisches, und ihre Hüften seien ein bisschen breit, obwohl sie insgesamt schmal, ja, auch ziemlich flachbrüstig sei. Aber das spiele keine Rolle. Tizla sei noch sehr jung, kaum sechsundzwanzig Jahre, sehr selbstbewusst, und er habe sie im Seminar kennen gelernt. Sie habe seine Einladung freudig angenommen, und er habe sich sehr auf den Abend und die Nacht, das gab er zu, gefreut. Aber sie sei nicht gekommen, habe auch nicht abgesagt. » ganz lesen

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publiziert am 15.02.06 in Thibaud ¦ 1410x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Kreuzzug

“Endlich,” sagte Thibaud, “bin ich vom Bier weg. Ich habe mich dem Wein zugewandt.” Er stand vor uns, die Haare milimeterkurz geschoren, in einem olivgrünen Feldhemd mit den Abzeichen der serbischen Armee. Die schwarze Baumwollhose fiel über ebenfalls schwarze Turnschuhe, die außen einen grünen Stern trugen. “Es ist eine Häutung,” fügte er hinzu. “Das sieht man,” sagte Zilly und grinste. “Nimm es ernst, meine Liebe. Nimm mich ernst. Es ist schmerzhaft. Stell dir vor, dir würde deine Haut zu eng. Jede Bewegung tut weh. Du spürst, dass dein Körper seinen Panzer abwerfen will. Das Denken wird wild. Deine Sinnesorgane schärfen sich. Du weißt genau, dass du einen Krieg führen wirst.” Er hatte einen mächtigen Tisch aus gebürstetem Edelstahl in die Küche gestellt und öffnete eine Flasche Rotwein aus dem Kosovo. Stellte schwere Pressglasgläser hin. » ganz lesen

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publiziert am 05.02.06 in Thibaud ¦ 1449x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Zorn & Trauer

Oft kam es mir so vor, als täte Thibaud alles, nur um uns zu beeindrucken. Jede seiner überraschenden Wendungen erschien uns zu spontan, zu unlogisch und zu radikal, als dass sie keiner Strategie folgen würde. Neulich trafen wir ihn zufällig im Café Zentral, wo er an einem Einzeltisch saß und etwas mit dem Bleistift in ein schwarz gebundenes Notizbich schrieb. Er trug ein Tweed-Sakko, das wir noch nie an ihm gesehen hatten, eines mit Lederflicken auf den Ellenbogen, dazu ein zerknittertes, dunkelblau gestreiftes Hemd. Im Aschenbecher qualmte ein Zigarette, vor ihm stand ein Glas Rotwein. Zilla sprach ihn an. Thibaud blickte kaum auf und bedeutete uns, sich zu ohm zu setzen. Dann blickte er auf und sagte: “Ihr seht, ich schreibe wieder. Um mir das zu ermöglichen, habe ich meinen Computer fortgeworfen.” Hanshubert starrte ihn ungläubig an: “Den neuen iMac?” Thibaud lächelte ihn an und bestätigte: “Ja, den brandneuen iMac.” Auch ich war erstaunt, hatte sich Thibaud doch bisher als jemand erwiesen, der jede technische Neuerung begeistert angenommen und zu nutzen versucht hatte. Ja, er hatte uns alle von tragbaren Mp3-Playern überzeugt, von LCD-Fernsehern, Digital-Kameras und Multifunktions-Handys. Wir hatten angeschafft, was er empfahl. » ganz lesen

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publiziert am 27.12.05 in Thibaud ¦ 1501x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Fleischwolf

“Wenn wir das, was wir mit unseren Hirnen anstellen, nämlich auf der Ebene permanenter Selbstreferenz das bereits Gedachte immer wieder denken, mit unseren Körpern täten, würden wir uns innerhalb kürzester Zeit selbst verdauen”, sagte Thibaud als Einleitung. Wir waren alle eingeladen in seine neue Küche. Er stand an der Herdinsel, hatte einen schwarze Kochjacke an und die langen grauen Haare unter einem schwarzen Kopftuch verborgen. Seit ein paar Monaten war er der Kocherei verfallen und hatte sich von uns zum Geburtstag alle möglichen Utensilien für die Küche gewünscht. Und an diesem Abend wollte er uns vorführen, was er damit zu erzeugen in der Lage war. Auf der Arbeitsplatte hinter ihm stand der schwere stählerne Fleischwolf. » ganz lesen

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publiziert am 16.11.05 in Thibaud ¦ 1397x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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