Die Seite 94

Tyrannenmord

Thibaud kam spät und machte einen gehetzten Eindruck. Er schob sich auf den Platz neben mir und blieb unruhig. Auch schien er mir ein wenig derangiert, zumindest ungewöhnlich gekleidet. Unter dem üblichen Tweed-Sakko mit den Lederflicken auf den Ellenbogen trug er ein knallrotes T-Shirt mit schwarzem Aufdruck. Ich bemühte mich zu lesen, was darauf stand, aber mein Blickwinkel war ungünstig. Außerdem nestelte Thibaud ständig am Jackett. Zilly hatte ihre Präsentation schon begonnen, und das Auditorium folgte ihren Ausführungen mit großer Konzentration. Dann hatte sie den letzten Satz gesagt und ihr Manuskript zusammengerafft. Das Publikum honorierte den Vortrag durch lautes Klopfen auf den Pulten, die an den Rückenlehnen der Stühle angebracht waren. Während Zilly gerade das Podium verließ, drängelte sich Thibaud an mir vorbei und eilte zur Bühne. Er nahm den Platz hinter dem Rednerpult ein, bog das Mikrofon zurecht und sagte: “Auch wenn dies ein Kongress zum Thema ‘Gewaltloser Widerstand in den Zeiten der schwachen Repression ist’, habe ich nur einen Kommentar abzugeben.” Er trat einen Schritt beiseite und zog das Sakko aus. Auf dem roten T-Shirt stand in schwarzen Lettern der Satz: ‘Tyrannen stürzen nur durch Terror’. » ganz lesen

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publiziert am 03.10.05 in Thibaud ¦ 2688x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Tätowierungen

tattooIn vielen Fällen war niemandem von uns klar, worauf Thibaud mit seinen Aktionen hinaus wollte. An seinen ständig wechselnden Kleidungsstil, an seine verschiedenen Frisuren hatten wir uns über die Jahre gewöhnt, auch die Tatsache, dass sein Gewicht und damit sein Umfang sich ständig innerhalb recht weit gefasster Grenzen änderte, ließ uns nach ein paar Jahren kalt. Mir hatte er einmal ganz beiläufig erzählt, dass der eigene Körper sein liebstes Spielzeugt sei. “Weißt du”, sagte er, “es gibt doch keine größere Freiheit als die des Körpers. Ich kann damit tun und lassen, was ich will. In den meisten Fällen bewege ich mich dabei ja sogar im Rahmen der Gesetze. Deswegen verstehe ich auch nicht, welches Recht sich der Staat herausnimmt, mich am Konsum von Drogen zu hindern.” Dabei nahm er einen ordentlichen Mundvoll Kräuterrauch aus der Wasserpfeife, die zwischen uns auf den Holzdielen der Terrasse stand. “Natürlich”, fuhr Thibaud fort, “ist reines Epigonentum bei körperverändernden Maßnahmen albern – man betrachte nur diese Tätowierungen junger Frauen oberhalb ihres verlängerten Rückens…” – ” Du meinst ein Arschgeweih”, warf ich ein. Thibaud schüttelte sich vor Lachen, denn den Ausdruck hatte er zuvor nicht gehört. » ganz lesen

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publiziert am 15.09.05 in Thibaud ¦ 8234x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Aphorismen

Eine Zeitlang traktierte Thibaud uns mit selbsterdachten Sinnsprüchen. Zu den erträglichsten zählte noch dieser Aphorismus: “Das Leben ist wie eine Straße voller Schlaglöcher: kaum hat man eines ausgebessert und hofft, nun störungsfrei fahren zu können, tut sich das nächste auf.” Wir ließen ihn gewähren, auch wenn wir uns über seine neue Leidenschaft insgeheim lustig machten. Wie ich Thibaud kenne, war ihm völlig bewusst, was wir von seinen küchenphilosophischen Ausreißern hielten. Tatsächlich stellte er mich eine Tages, wir hatten gerade gemeinsam die Magritte-Ausstellung besucht und saßen jetzt im Cafe Pfeife, zur Rede. Ob ich seine Sprüche trivial fände. Nun, sagte ich, ich kann den Nährwert dieser Sätze nicht erkennen. Thibaud räusperte sich und nahm einen Schluck vom doppelten Espresso. Dann sagt er: Mir geht es nicht anders. Aber ich hoffe, dass ich mehr über die Wirkung von Aphorismen lerne, indem ich selbst welche erfinde.
Das war typisch für Thibaud. Nichts war ihm selbstverständlich. Und was er nicht verstand, das probierte er selbst aus. Sein Leben war ein einziger großer Selbstversuch.

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publiziert am 24.07.05 in Thibaud ¦ 3670x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Nackt in Dünen

Vor einigen Jahren verbrachten wir alle zwei Wochen in einem Sommerhaus an der dänischen Nordseeküste. Thibaud war wenige Wochen zuvor von Edith verlassen worden und hatte, um die Nächte nicht allein im Bett verbringen zu müssen, eine Studentin eingeladen, die seit Anfang des Semsters seine Seminare besuchte und ihn offensichtlich verehrte. Gulla, so ihr Name, war zu der Zeit vielleicht einundzwanzig oder zweiundzwanzig Jahre alt, ein zierliches Mädchen mit tiefschwarzen Haaren und von unbestimmt asiatischer Herkunft. » ganz lesen

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publiziert am 14.07.05 in Thibaud ¦ 9051x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Reisebericht

Thibaud sah schlecht aus, müde und abgespannt – wie nach seiner letzten Reise auch. Er hatte den engsten Kreis zu unserem Lieblingsmexikaner eingeladen und läutete den Abend mit einem doppelten Mescal ein. “Ihr erwartet sicher meinen Bericht von der Reise”, begann er, “aber ich muss euch enttäuschen. In jedem Flugzeug, in jeder fremden Stadt, an Traumstränden und im Gebirge, an jedem Ort habe ich nur darüber meditieren können, was es ist, das mich reisen macht.” Er nahm noch einen Mescal, der Kellner kam und nahm die Bestellungen auf. Wir mussten lange auf die Fortsetzung seiner Erklärung warten. » ganz lesen

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publiziert am 19.06.05 in Thibaud ¦ 1933x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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