Tätowierungen

tattooIn vielen Fällen war niemandem von uns klar, worauf Thibaud mit seinen Aktionen hinaus wollte. An seinen ständig wechselnden Kleidungsstil, an seine verschiedenen Frisuren hatten wir uns über die Jahre gewöhnt, auch die Tatsache, dass sein Gewicht und damit sein Umfang sich ständig innerhalb recht weit gefasster Grenzen änderte, ließ uns nach ein paar Jahren kalt. Mir hatte er einmal ganz beiläufig erzählt, dass der eigene Körper sein liebstes Spielzeugt sei. “Weißt du”, sagte er, “es gibt doch keine größere Freiheit als die des Körpers. Ich kann damit tun und lassen, was ich will. In den meisten Fällen bewege ich mich dabei ja sogar im Rahmen der Gesetze. Deswegen verstehe ich auch nicht, welches Recht sich der Staat herausnimmt, mich am Konsum von Drogen zu hindern.” Dabei nahm er einen ordentlichen Mundvoll Kräuterrauch aus der Wasserpfeife, die zwischen uns auf den Holzdielen der Terrasse stand. “Natürlich”, fuhr Thibaud fort, “ist reines Epigonentum bei körperverändernden Maßnahmen albern – man betrachte nur diese Tätowierungen junger Frauen oberhalb ihres verlängerten Rückens…” – ” Du meinst ein Arschgeweih”, warf ich ein. Thibaud schüttelte sich vor Lachen, denn den Ausdruck hatte er zuvor nicht gehört.

“Mich hat…”, setzte er seine Gedanken fort, “…immer die Frage interessiert, wie es sich anfühlt, wenn man sich tätowieren oder piercen lässt an Stellen, die kaum jemand jemals zu sehen bekommen wird. Wie es wäre, zum Beispiel im Inneren tätowiert zu sein, in der Mündhöhle, im Mastdarm.” Mir war klar, dass er eine Stellungnahme erwartete. Vor Jahren hatte ich mir auf Kho Phi Phi drei chinesische Schriftzeichen auf den linken Oberarm tätowieren lassen: Liebe, Hass und Gleichgültigkeit. Außerdem hatte ich mir kurz nach dem Abitur ein Ohrloch stechen lassen und einige Jahre lang einen Kreolen dort getragen. Mir kamen Thibauds Interessen wieder einmal sehr radikal vor, und ich schwieg. Er rieb mit dem Zeigefinger die Narbe mitten auf seiner Stirn, die von der misslungenen Trepanation stammte. “Vielleicht ist das alles aber auch bedeutungslos. Vielleicht ist jeder Versuch, den eigenen Körper durch Veränderung zu erobern, bloß ein autistisches Zwangsagieren. Vielleicht ist es wichtiger, die Grenzen zwischen dem eigenen Körper und den Körpern anderer Menschen zu überschreiten.”

Er stand auf, drehte mir den Rücken zu und ließ seinen grauen Umhang fallen. Die Tätowierung wirkte als habe man ihm die Haut abgezogen und man könnte Knochen, Sehnen, Muskeln und Organe sehen. Eine perfekte optische Täuschung.

publiziert am 15.09.05 in Thibaud ¦ 7263x gelesen ¦ noch kein Kommentar