Die Nadel

Keine Ahnung, wie ich hier hochgekommen bin. Wundert mich auch, dass hier an der Spitze dieses eigenartigen Bauwerks ein Sitz angebracht ist. Man hat mich zum Glück angeschnallt. Und gut, dass ich keine Höhenangst habe, denn in gut fünfundsiebzig, achtzig Metern auf der Spitze einer Nadel zu hocken, ist nichts für furchtsame Gemüter. So überblicke ich die Stadt, die selbst aus dieser Höhe bis über den Horizont hinausreicht. Es geht ein leichter Wind, und die Nadel bewegt sich erstaunlicherweise nicht ein bisschen. Muss an der Konstruktion liegen, wozu immer die gut sein mag. Nur daran, wie ich wieder herunterkommen, darf ich nicht denken. » ganz lesen

Download PDF

publiziert am 19.09.18 in Thibaud ¦ 24x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Ein pinkes Plastikpony

Gerade habe ich Wasser nachgefüllt. Keyla steht in der verbeulten Zinkwanne, während ich die Gießkanne halte. Ich sehe Leissa in ihr. Als ich meine Frau kennenlernte, war sie kaum drei Jahre älter als meine Tochter jetzt. Ein Jahr später habe ich sie zum ersten Mal geschwängert. Sie sind sich ähnlich. Ich kann erkennen, wie Keyla als Erwachsene aussehen wird. Jetzt sitzt sie wieder im Wasser und wäscht ihre Spielfiguren, die sie nachts auf einem Brett neben ihrem Bett abstellt: ein Playmobil- und ein Lego-Männchen, eine He-Man-Figur, eine Barbie und das Wunderpony, das ich ihr neulich mitgebracht habe. » ganz lesen

Download PDF

publiziert am 06.09.18 in Paare ¦ 47x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Nicht leichtgemacht

“Ich habe es mir im Leben nicht leichtgemacht,” sagte Spinks, senkte den Kopf ein wenig und schloss die Augen als sei er erschöpft. “Das sagt er immer,” merkte Thibaud an und verzog das Gesicht. Wir kannten die Geschichte der beiden, zumindest Thibauds Sicht der Dinge, denn er hatte uns vor Längerem von Spinks erzählt. Sie hatten sich damals in einer dieser Szenekneipen kennengelernt und beschlossen, sich beim Pipeline-Bau in Alaska zu verdingen. Es hieß, hatte Thibaud erklärt, da könne man in ein paar Monaten ein Vermögen verdienen; zwar sei der Job hart, aber für 3000 Dollar die Woche müsse man eben mal etwas aushalten. Viele Kerle redeten in jenen Jahren von dieser Sache, ohne dass wirklich eine nennenswerte Anzahl tatsächlich in den Norden Amerikas zog. Bei Spinks und Thibaud gab es aber einen gewichtigen Grund: Sie wollten einen Verlag gründen, ein Medienhaus für sozialistische Zeitungen, für linke Bücher, die sonst niemand druckte. Sie wollten aktiv an der Revolution mitarbeiten. Sie rechneten damit, mehr als 100000 Dollar zu verdienen und spätestens nach einem halben Jahr zurückzukehren. » ganz lesen

Download PDF

publiziert am 23.07.18 in Thibaud ¦ 84x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Noch im Winter

Es war das letzte Haus in der äußersten Siedlung im Vorort der Kleinstadt, unmittelbar angrenzend an die Felder und Weiden der Großbauern, deren Höfe jenseits des Waldstücks lagen, auf das wir aus dem Küchenfenster und dem Bad blickten. Die Straße war bis zur Garagenauffahrt asphaltiert und ging dann zunächst in eine Schotterstrecke und zwanzig, dreißig Meter weiter in einen Feldweg über, der in sanften Bögen zwischen den Äckern zum Busch führte und dort ohne besonderen Grund endete. Gästen, die mit dem Auto anreisten, sagte der Vater immer, sie sollten bedenken, dass man vor unserem Haus nicht wenden könne. Den Garten hatte er mit einem außergewöhnlich hohen Zaun umgeben lassen, und es kam mir immer so vor, als habe er das nicht getan, um unser Grundstück zu schützen, sondern um eine deutliche Grenze zwischen der Zivilisation und der aus seiner Sicht rauen Wildnis zu markieren, denn er war Zeit seines Lebens ein sehr urbaner Mensch. » ganz lesen

Download PDF

publiziert am 22.07.18 in Paare ¦ 88x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Seine Freundin

Stell dir einen Typ am Biertisch vor. Anfang Fünfzig, eine ordentliche Wampe über ziemlich dünnen Beinen, imposanter Schädel, dichter, schwarzer Vollbart und eine dicke Brille mit dunklem Gestell. Nennen wir ihn Matthias. Wie er da so am Stehtisch draußen vor der Hausbrauerei steht und sein Bier trinkt. Er war mein Freund, und ungefähr einmal im Monat trafen wir uns da, um miteinander zu reden. Selten oder nie ging es um persönliche, um private Dinge. Meistens erzählten wir uns Geschichten über Ereignisse, die wir miterlebt oder beobachtet hatten, oder über die politische Situation oder was uns sonst aufgefallen war. Eigentlich sind wir erst sehr spät Freunde geworden. Über Jahre waren wir Kollegen, im Beruf auch Kontrahenten, aber im Streit lagen wir nie miteinander. Matthias hatte seine berufliche Laufbahn unter meiner Leitung begonnen. Später war er bei einem großen Unternehmen angestellt, während ich freiberuflich wirkte. Einige Male, eine Zeit lag sogar regelmäßig, schob er mir Aufträge zu. » ganz lesen

Download PDF

publiziert am 02.04.18 in Paare ¦ 350x gelesen ¦ noch kein Kommentar

blättern: 1 2 3 4 5 6 7 8 ... 96 »