Nacktmann IV

dickerDann mied ich den Nacktmann über Wochen. Inzwischen sah ich ihn nur noch selten in seinem Garten sitzen, denn die ersten Herbsttage waren nass und kühl. Damals steckte ich tief in einem Projekt und verließ das Haus nur noch zum Einkaufen. Eines Tages lag ein dicker Umschlag ohne Absender im Briefkasten. Später riss ich ihn auf und fand einen Brief und einen Stapel eng bedruckter Blätter. „Lieber Thibaud, nachdem du mich ja nicht mehr besuchst, möchte ich dir die Geschichte meines Lebens in schriftlicher Form überreichen. Ich habe das Gefühl, die Sache geht nicht mehr lange gut, will aber, dass die Geschehnisse der Nachwelt übermittelt werden. Dass du das tust, ist mein letzter Wunsch an dich.“ Ich wurde wütend. Was dachte sich dieser eklige Exhibitionist eigentlich, mich so zu vereinnahmen? Sein Manuskript landete auf einem Stapel Papiere, und ich dachte bis zum nächsten Frühjahr nicht daran und auch nicht an den Nacktmann.

Im frühen Mai gab es die ersten warmen Tage. Mehr oder weniger ohne Absicht begann ich, wieder den Garten des Nacktmanns zu beobachten. Manchmal sah ich Maria auf der Terrasse hantieren, aber Erich tauchte nicht auf. Dann fielen mir sein Papierstapel wieder in die Hände. Ich las den Text nur quer; eine pornografische Szene reihte sich an die andere, und eigentlich ging es immer nur darum, dass sein Penis so lang und dick war, dass die Frauen reihenweise vor Verzückung oder Schreck in Ohnmacht fielen, wenn sie das Ding sahen. So vögelte Erich sich durch die weibliche Verwandtschaft, bumste hier und da Damen jeder Form, Farbe, Größe und Alters und hatte wohl auch homosexuelle Begegnungen. Erst auf den letzten Seiten wurde ich wieder aufmerksam:

„Elisabeth war eine ungewöhnliche Frau. Sie war kleinwüchsig, aber keine Liliputanerin. So nannte man ja früher diese Menschlein mit kurzen Armen und Beinen, die im Zirkus vorgeführt wurden. Nein, Betty hatte die Proportionen einer ganz normalen Frau, war aber nur rund einen Meter zwanzig groß. Ich begegnete ihr an einem Badesee und verliebte mich sofort in sie. Es war ihr Gesicht, das mich anrührte. Wie mit einem feinen Stift gezeichnet, mit schwarzen Augen. Ihre Haut war von der Sonne gebräunt, und sie bewegte sich wie eine Tänzerin. Als sie ins Wasser ging, folgte ich ihr. Sie schwamm weit hinaus und ließ sich auf dem Rücken treiben. Ich tauchte neben ihr auf, sie erschrak und floh mit schnellen Kraulzügen. Am Ufer blieb sie stehen und schüttelte ihr langes, schwarzes Haar. Sie trug einen knappen, feuerroten Bikini. Dann stand ich vor ihr. Sagte irgendeinen Blödsinn, etwas in der Art wie ‚Erfrischend das Wasser, nicht?‘ Betty schaute mich ernst an und nickte. Dass ich mich neben sie legte, nahm sie hin. Ich redete auf sie ein. Sie reagierte amüsiert. Lächelte oder zeigte Erstaunen. Dann packte sie. Als sie ihre Sachen verstaut hatte, drehte sie sich zu mir um und sagte mit ihrer erstaunlich tiefen Stimme: ‚Morgen wieder hier?‘ Ich nickte.
Wir trafen uns in jenem Sommer fast jeden Tag. Am See, im Café oder abends am Fluss. Erst nach zwei, drei Wochen begann sie, von sich zu erzählen. Ehrlich gesagt hatte ich mich auch bis dahin nicht getraut, sie auf ihre Körpergröße anzusprechen. Aber eines Abends, wir saßen auf der Kaimauer und ließen die Beine über dem Strom baumeln, berichtet sie von ihrer Krankheit, die dazu geführt hatte, dass sie nach dem elften Lebensjahr nicht mehr gewachsen war, dass sich aber in der Pubertät alle Proportionen ausgebildet hätten wie bei einem Riesen – so nannte sie Normalwüchsige. Ich war sehr verliebt und konnte in ihrer Gegenwart an kaum etwas anderes denken als daran, mit ihr Liebe zu machen. Natürlich war mir bewusst, dass unsere unterschiedlichen Anatomien Probleme machen würden, aber wie genau es sein würde, darüber dachte ich nicht nach.

Erst als der Herbst schon da war, wurde mir bewusst, dass Elisabeth ein unglücklicher Mensch war. Diese tiefe Depression hatte aber überhaupt nichts mit ihrer Kleinwüchsigkeit zu tun, sondern war die Folge von einer langen Strecke an Unglück, die sie hinter sich hatte. Zu diesem Zeitpunkt war sie schon Ende Dreißig, also gut zehn, elf Jahre älter als ich. Inzwischen waren wir zu einer Art Liebespaar geworden, küssten uns und lagen manchmal stundenlang dicht an dicht auf dem Sofa in ihrer Wohnung. Immer wenn sie meine beginnende Erektion spürte, schickte sie mich weg.
Nach und nach lernte ich die schlimme Geschichte ihrer Familie kennen: eine schwache Mutter, ein trinkender Vater, ein Onkel, der sie befummelt hatte, und eine Kette von Trennungen, Umzügen und Pleiten.
Mit Mitte Zwanzig hatte sie einen älteren Mann kennen gelernt, einen Italiener, der – so berichtete sie – auch bloß einen Meter vierzig groß war. Ein feiner, wohlhabender Herr, der sie in sein Haus am Comer See aufnahm, beschenkte und verwöhnte. ‚Er war reich‘, sagte sie, ‚und er gab viel Geld aus. Vittorio erfüllte mir jeden materiellen Wunsch, er vergötterte mich.‘ Und dann geschah etwas, über das sie nicht sprechen wollte. Es muss kurz vor Vittorios Tod passiert sein, etwa vier Jahre vor unserer Begegnung, und dessen Sohn hat dabei wohl eine fatale Rolle gespielt. Betty weinte. Ich konnte sie nicht mehr beruhigen. ‚Was war denn?‘ fragte ich, aber sie wollte oder konnte nicht antworten.

Später reimte ich mir aus verschiedenen Andeutungen zusammen, dass es der Sohn wohl auf das Geld des Vaters abgesehen hatte. Dass er Betty weghaben wollte. Es muss zu einer schweren Auseinandersetzung gekommen sein. Und dann waren beide tot – Vittorio und sein Sohn. Sie war geflohen und träumte jeder Nacht von jener dramatischen Szene.
‚Weißt du, Erich‘, sagte sie eines Abends, ‚mein Leben ist so durcheinander, dass es nie wieder in Ordnung kommen wird.‘ Ich versuchte sie zu beruhigen und zu trösten, aber es gelang mir nicht, sie aufzuheitern. Über den Winter wurde ihr Zustand immer schlimmer. Sie wollte nicht mehr aus dem Haus, zog die Vorhänge nicht mehr auf, und begann, irgendwelche Medikamente zu nehmen. Von der schönen, kleinen Frau war nicht mehr viel übrig. Ihre Haut war fahl geworden, ihr Blick unstet. Es war am siebten Januar als sie mir mitteilte, sie werde freiwillig aus dem Leben scheiden. Immer noch versuchte ich, sie vom Gegenteil zu überzeugen, aber ihr Entschluss stand fest. ‚Ich werde deine Hilfe brauchen‘, sagte sie.

Und in diesem Moment wusste ich genau, was sie von mir verlangen würde. Ich ahnte, dass es geschehen würde, kannte nur den Tag und die Stunde nicht. Ein paar Tage später besuchte ich sie. Sie öffnete und war nackt. Sie umarmte mich. Zog mich aus. Wir legten uns auf den Teppich vor dem großen Terrassenfenster. Sie sorgte dafür, dass ich ausreichend erregt war. Dann legte sie sich auf den Rücken und spreizte die Beine. ‚Komm‘, sagte sie nur, ‚Tu es.‘ Und ich tat, was sie von mir erwartete.
Nein, ich bin nicht zu ihrer Beerdigung gegangen. Ich habe nichts aufbewahrt, was mich an Elisabeth erinnert. Vielleicht habe ich in dieser Sache zum ersten Mal sinnvoll genutzt, was mir die Natur mitgegeben hat. Mehr ist dazu nicht zu sagen.“

Welche Gefühle mich nach dieser Lektüre bewegten, kann ich kaum beschreiben. Ich wollte nicht glauben, dass das, was der Nacktmann da beschrieben hatte, wirklich passiert war. Wahrscheinlich war er bloß ein alter, schmieriger Typ, der sich eklige Geschichten ausdachte.
Ein paar Wochen später ging ich spazieren. An der Gasse, die zu seinem Haus führte, stand ein Streifenwagen. Und dann sah ich, wie zwei Beamte Erich in Handschellen abführten, verhüllt in eine Wolldecke. Er sah mich und lächelte mir zu. Im Spätsommer zog eine Familie mit zwei kleinen Kindern in das Haus, in dem der Nacktmann gewohnt hatte.

publiziert am 26.06.09 in Thibaud ¦ 9533x gelesen ¦ noch kein Kommentar