Widerstand

„Und,“ fragte Thibaud in die Runde, „was wollen wir jetzt tun? Wie sollen wir Widerstand leisten?“ Nach den letzten Wahlen hatte man uns durch allerlei Repressalien in den Untergrund gedrängt, und wir trafen uns nicht mehr in Kneipen oder Bars oder in unseren Privatwohnungen. Olivia hatte ein verfallenes Haus am Rande des Friedhofs entdeckt, das über einen intakten Kellerraum verfügte. Dort hielten wir seit dem Monat, der die Hälfte der Legislaturperiode bezeichnete, unsere konspirativen Besprechungen ab. Auf den Kontakt per Mobiltelefon und Internet hatten wir schon vor längerem verzichtet – da hatte die Partei, die sich angeblich für Bürgerrechte einsetzt, den Vorschlägen für die flächendeckende Überwachung ergeben und den entsprechenden Gesetzen zugestimmt. Unsere Depression war nun der Wut gewichen und der Einsicht, dass wir etwas tun müssten. „Militanz kommt nicht in Frage!“ warf Hanshubert ein, unser Wackelkandidat, denn als Besserverdiener hatte er deutlich von den Steuersenkungen der Regierung profitiert.

„Ist die Frage,“ warf Konrad ein, „was unter Militanz zu verstehen ist. Gewalt gegen Sachen?“ Einige von uns hatten sich schon intensiv mit den Techniken befasst, Autos abzufackeln ohne Spuren zu hinterlassen. Und die Gruppe um Cork war bereits als Flashmob in Delikatessenläden und Gourmetrestaurants eingedrungen, um dort kostenlos einzukaufen und zu speisen. Es schien Konsenz zu sein, das wir eine Art „Die fetten Jahre sind vorbei“ in Realität überführen sollten. „Keine Waffen!“ forderte Zilly, und alle nickten zustimmend; außer Thibaud, der sich nie dazu äußerte, wie weit er in der Anwendung von Gewalt gehen würde.

„Es geht darum,“ begann Holger, „gegen die herrschenden Zustände Widerstand zu leisten – und wenn auch nur, um zu demonstrieren, dass diese Regierung im Auftrage der Wirtschaft und mit Unterstützung der Medien nicht tun kann, was sie will. Wir müssen gerade bei den Profiteuren dieser Situation ein Klima der Unsicherheit schaffen. Die Reichen, die Wohlhabenden, die Anleger, die müssen Angst um ihren Besitz bekommen.“ Viele nickten beifällig. „Und was würde das bewirken?“ fragte Hanshubert, „Das ist doch RAF-Denke. Die Verhältnisse so zu destabilisieren, dass der Kapitalismus seine hässliche Fratze zeigt…“

Wir wurden uns nicht einig an diesem Abend. In der Nacht brannten im Komponistenviertel sieben Autos. Das war aber erst der Anfang.

publiziert am 28.09.09 in Thibaud ¦ 1683x gelesen ¦ noch kein Kommentar