Eine Zeugin

Eigentlich war Robert ganz froh darüber, dass Elle und er nun doch nicht gemeinsam auf den alten Kahn im Hafen gezogen waren. So blieb ihm der Blick über die Stadt von einer der beiden Terrassen seiner viel zu großen Wohnung mit den vier Zimmern, von denen zwei völlig leerstanden. Nicht einmal Gerümpel hatte er dort gelagert, weil er keine überflüssigen Möbel und Sachen besaß. Er war schon immer ein Wegwerfer. Natürlich waren ihm die meisten Gegenstände abhanden gekommen, als seine Frau Knall auf Fall ausgezogen war und er eine völlig leere Wohnung vorfand als er nach sechsundzwanzig Stunden Dauerdienst frühmorgens nach Hause gekommen war. Das war zur selben Jahreszeit wie jetzt, und das Wetter war damals genauso frühsommerlich.
Vor ein paar Wochen war eine junge Frau in das Appartement eine Etage tiefer gezogen. Eine groß gewachsene, ziemlich dünne Rothaarige. Robert hatte den Möbelwagen gesehen, einigermaßen überdimensioniert für die wenigen Stücken, die von den Packern ausgeladen wurden. Er hatte ein paar Minuten zugesehen. Dann kam sie aus der Haustür, ging auf ihn zu und reichte ihm die Hand: „Hallo“, sagte sie mit leichtem Akzent, „ich bin die neue Bewohnerin. Fiona Amsel ist mein Name.“

Irgendetwas an ihrem Auftreten hatte Robert verwirrt. Er deutete eine Verbeugung an: „Angenehm, Greiper heiße ich, Robert Greiper.“ Und war schnell gegangen. Es war nicht das erste Mal, dass ihn die Begegnung mit einer rothaarigen Frau ein wenig aus der Fassung brachte. Immer erinnerte ihn dieser Typ an seine erste große Liebe, die schöne Angelika, mit der genau einen Sommer lang zusammen war. Damals im Jahr neunzehnhunderteinundsiebzig. Mit der er an die französische Atlantikküste getrampt war. Und so weiter. Eigentlich ähnelte Frau Amsel seiner Angelika gar nicht.

Und nun hockte er auf dem Schemel auf der Westterrasse, trank sein Altbier aus der Flasche und grübelte über den Fall nach. Es ging auf Sommerangang zu und jetzt gegen elf Uhr war es noch ziemlich hell. Das Handy meldete sich. Er rechnete damit, dass es Elle sein würde, die in Würzburg auf irgendeiner Ernährungstagung war. „Hallo, Robert, hier ist Fiona. Ich muss dich sprechen. Kann ich hochkommen?“ Der Hauptkommissar schluckte. „Ja, klar, worum geht es denn?“ – „Ich glaube,“ sagte Fiona Amsel, seine Nachbarin, „ich bin eine Zeugin.“

publiziert am 17.06.11 in Völkerwanderung ¦ 924x gelesen ¦ noch kein Kommentar