Zu wenig Morde

Der Vorgesetzte schob Papiere auf seinem Schreibtisch hin und her, um dem Hauptkommissar nicht in die Augen sehen zu müssen. „Sagen Sie, lieber Greiper,“ begann er und fixierte dabei den Bildschirm seines Rechners, „wie lange müssen Sie eigentlich noch?“ Hauptkommissar Greiper war der Aufforderung nicht gefolgt, Platz zu nehmen, und stand mitten im Raum in Standbein-Spielbeinstellung. Das halt ihm seine aufkeimende Wut zu besänftigen. „Wie meinen Sie das?“ Kriminaloberrat Schmörgel wandte sich vom Display ab: „Na, Sie wissen schon, wann Sie pensioniert werden…“ Greiper atmetet zweimal sehr tief: „Wollen Sie mich loswerden?“ – „Um Himmelswillen, nein! Lieber Herr Greiper, wir alle im Präsidium wissen doch, was wir an Ihnen haben.“ Der Hauptkommissar hatte sich nun doch in den Besucherstuhl fallengelassen. „Hören, Sie, Greiper: Wie viele Tötungsdelikte hatten wir im vergangenen Jahr in der Stadt? Also, in wie vielen Fällen gab es einen Anfangsverdacht, sodass Ermittlungen eingeleitet wurden?“ – „Das wissen Sie so gut wie ich,“ knurrte Greiper. „Siebzehn, es waren siebzehn Fälle. In elf davon kam es zu Ermittlungen über den Tathergang, und in genau sieben Fällen führten diese zu Ergreifung des Täters. Macht weniger als einen Fall pro Monat.“

Der Hauptkommissar hatte sich vorgebeugt: „Schon klar. Sie wollen mir jetzt erzählen, dass es keinen Sinn macht, eine ständige Mordkommission zu haben. Und weil ich das einzige ständige Mitglied dieser Kommission bin, soll ich zukünftig als Springer eingesetzt werden. Richtig?“ Sein Vorgesetzter musterte angestrengt eine Tabelle, die vor ihm lag. „Wenn ich es korrekt im Kopf habe, werden Sie im November sechzig. Dann haben Sie 26 Jahre im gehobenen Dienst hinter sich und könnten in den Ruhestand gehen. Mit minimal reduzierten Bezügen.“ Er machte eine bedeutungsvolle Pause. „Als Sie vor zwanzig Jahren zum Hauptkommissar befördert wurden, gab es mehr als doppelt so viele Morde wie zurzeit.“ Greiper riss sich zusammen. Am liebsten hätte er den Oberrat angebrüllt, er solle sein dummes Theoretikermaul halten. „Ja, ich weiß das alles. Ich weiß aber auch, dass die Mordkommission, die seit fünf Jahren aus meiner Person besteht, eine Aufklärungsquote von Hundert Prozent hat. Und ich sage Ihnen, dass diese Quote drastisch sinken würde, wenn Sie mich den Wirtschaftsfuzzis oder der Sitte zuteilen. Und wenn es, sagen wir mal, zu einer Serie von drei oder vier unaufgeklärten Tötungsdelikten käme, dann hätten Sie ein Problem, nicht ich.“ Schmörgel plusterte sich auf in seinem Chefsessel: „Wollen Sie mir drohen? Haben Sie gerade damit gewunken, Fälle absichtlich nicht aufzuklären?“ Greiper schüttelte den Kopf: „Alles eine Frage der Motivation.“ Beide schwiegen.
„Ich schlage etwas vor,“ begann der Hauptkommissar, „Sie lassen mir bei diesem Fall mit dem Sprengstoffanschlag auf die Bar für die nächsten vier Wochen völlig freie Hand. Habe ich den Fall bis dahin nicht wasserdicht gelöst, können Sie mit mir machen, was Sie wollen. Meinetwegen stecken Sie mich in den Innendienst bei den Kollegen vom Betrug. Andernfalls…“ – „Was ist dann?“ – „Andernfalls bleibt der Stellenplan für die nächsten zweieinhalb Jahre unverändert. Und dann geh ich in Pension.“

publiziert am 06.06.11 in Völkerwanderung ¦ 849x gelesen ¦ noch kein Kommentar