Angezündet

„Schön haben Sie’s hier“, sagte Greiper und sah sich im Gemeinschaftsraum der alten Feuerwache um. In der Mitte stand ein zerschrammter Holztisch, der Platz für zwei Dutzend Leute bot. An den Wänden hingen Fotos von Kollegen und Einsätze, und über der doppelflügeligen Eingangstür hatte man ein riesiges Banner mit den Wappen der Stadt und der Berufsfeuerwehr angebracht. Schon die Backsteinmauer und das Treppenhaus mit den Treppen aus Granit hatten auf den Hauptkommissar wie Elemente eines Klosters gewirkt. Aber in diesem Saal erwartete er beinahe, dass plötzlich die Mönche in ihren Kutten einträten, um sich zum Nachtessen zu setzen. „Ja“, antwortete Oberbrandmeister Brandt, „schön, aber unpraktisch. Mein Schreibtisch steht da hinten in der Ecke. Platz für ein eigenes Office gibt’s nicht in diesem altmodischen Kasten.“ Robert Greiper schritt die Wände ab und sah sich Bild für Bild an, während der Feuerwehrmann einen Aktenordner aus seinem improvisierten Büro holte. Die beiden Beamten nahmen an einem Ende der Tafel übereck Platz. „Das einzige, was das abgefackelte Reisemobil und die ausgebombte Bar verbindet, ist die Tatsache, dass in beiden Fällen je zwei weibliche Todesopfer zu beklagen sind. Rein brandtechnisch unterscheiden sich die Ereignisse massiv. Das Fahrzeug am unteren Rheinwerft weist alles Spuren einer Gasexplosion auf. Merkwürdig nur, dass im entsprechenden Behältnis keine Gasflaschen waren. Bei der Bar wurde ganz offensichtlich die Eingangstür gesprengt, möglicherweise mit einer Handgranate oder ähnlicher Munition, um dann den gesamten Raum mit Brandbeschleuniger zu besprühen und dann Feuer zu legen.“

Er unterstrich seine Erklärungen dadurch, dass er dem Hauptkommissar ein Foto nach dem anderen rüberschob, aber für Greiper sahen die alle nur schwarz und grau aus, Gegenstände konnte er nicht erkennen. „Gibt es denn für einen dieser beiden Fälle einen Präzedenzfalls aus der letzten Zeit, ist ein Muster erkennbar?“ Brandt schüttelte den Kopf. „Wissen Sie, Brandstiftungen sind viel seltener als gemeinhin angenommen. Die Leute denken immer, dauernd würde irgendwo Feuer gelegt, weil das dann jedes Mal in der Zeitung steht. Den letzten Brandanschlag auf ein Gebäude in der Stadt gab es… warten Sie, das muss vor zwölf oder dreizehn Jahren gewesen sein. Da haben die Albaner das Hinterzimmer von so einer Wettbude gebombt, weil der Kroate, der dort Roulettetische hatte, kein Schutzgeld bezahlen wollte. Das war diese Sache, bei der zwei Balkons vom Haus durch die Wucht der Explosion abgerissen wurde – leider hatte auf dem einen eine ältere Dame gesessen…“ Greiper durchwühlte den Stapel Fotos. „Und das Wohnmobil, das wurde nicht mit der Methode angezündet, mit der die Chaoten momentan überall Luxusautos abfackeln?“ – „Moment“, sagte der Oberbrandmeister und ging zu seinem Schreibtisch. „Sehen Sie diese Aktenordner?“ rief er rüber, „acht Stück, in jedem zwischen 30 und 50 Fälle. Allein in diesem Jahr wurden bis heute fast 300 Wagen angesteckt, dazu noch die siebzehn ausgemusterten Polizeifahrzeuge und die Lieferwagen von diesem Paketdienst. Damit sind wir hauptsächlich beschäftigt.“ Er kam zurück.

„Nein, der Wohnwagen wurde vom Heck aus in Brand gesetzt, eventuell sogar von innen. Die Typen, die Pkw brennen lassen, legen ja einfach Grillanzünder auf die Räder, lege eine brennende Zigarette darauf und – bumms – irgendwann geht der Anzünder in Flammen auf, die auf den Reifen übergreifen. Die basteln ja sogar einfache Zeitzünder. Da werden zwei, drei Streichhölzer mit dem Kopf zuerst in eine Zigarette gesteckt, die man anraucht. Dann glimmt die vor sich hin, und wenn die Glut die Streichholzköpfe erreiche, entzünden die sich, es gibt ein Stichflämmchen … und so weiter. Das ist Kinderkram. Und wer das Reisemobil angezündet hat, war kein Amateur.“ – „Und die Bar?“ – „Wissen Sie was? Ohne dass ich wirkliche Belege für die These hätte: Ich glaube, der oder die Täter hatten einen militärischen Hintergrund…“ Hauptkommissar Greiper stand auf, reichte dem Feuerwehrmann die Hand und sagte zum Abschied: „Sie haben mir sehr geholfen.“

publiziert am 11.08.11 in Völkerwanderung ¦ 832x gelesen ¦ noch kein Kommentar