Jägerschnitzel

Elle saß schon am Ecktisch und nippte an der Weißweinschorle als Robert den A-Hof betrat. Er nahm die Mütze ab, warf sie auf die Bank und küsste sie auf den Mund. „Je später der Abends…“, sagte Elle und grinste ihn an. „Moment: Genau acht Minuten zu spät. Das ist innerhalb der Toleranz.“ – „Und gesoffen hat er auch schon“. Robert hatte sich hinter den Tisch geschoben: „Nicht was du denkst. Verhör in der Kneipe von Branko. Bier konnte ich nicht ablehnen, aber den Schnaps habe ich nicht genommen.“ Elle lächelte verständnisvoll, während er nach der Speisekarte griff. „Wieso guckst du nach, Liebster? Du nimmst doch eh immer dasselbe…“ Da hatte sie Recht, und der Hauptkommissar klappte die in Kunstleder gebundene Karte schwungvoll zu. „Hast du schon gewählt? Lass mich raten: Den großen Salat mit gegrilltem Fisch. Richtig?“ Elle nickte. Robert würde natürlich wieder das Jägerschnitzel mit Pommes bestellen. Wie oft hatte sie im schon erklärt, was alles ungesund war an diesem Gericht. Aber er liebte das panierte Fleisch und die frittierten Kartoffelstäbchen. Jedes Mal nach dem Leeren des Tellers sagte er, dass das Schnitzel und die Fritten klasse gewesen seien, aber die Sosse, na ja… Und warum bestellst du dann nicht einfach Schnitzel Wiener Art? gab sie jedes Mal zurück. Und er antwortete dann: Trocken krieg ich das nicht runter. Jetzt hatte ihm die schweigsame Kellnerin, die Stunden draußen vor der Eingangstür mit dem Rauchen zubrachte, ein Bier hingestellt und sah ihn fragend an.

„Wie immer“, sagte Robert, und Elle nickte zustimmend. „Biste du weiter gekommen bei den Ermittlungen?“ fragte sie vorsichtig, weil sie seinen Zustand in dieser Phase eines Falles genau kannte. „Ermittlungen? Ich ermittle nicht, ich löse Fälle.“ Und trank das Glas in einem Zug leer. „Du hast Stress, das merke ich.“ – „Ja,“ gab Robert zurück, „aber nicht wegen dem Fall, sondern nur wegen dem blöden Schmörgel. Der will mal wieder die Mordkommission auflösen und mich den Wirtschaftsheinis zuordnen.“ Elle hatte ihre Hand auf seine gelegt: „Das ist ja nichts Neues.“ – „Nein, macht aber immer noch keinen Spaß. Willst du wirklich wissen, wie weit ich in der Sache bin?“ Sie lächelte ihn an ohne zu antworten. „Gut. Ich weiß nichts. Ich bin gerade dabei, das diffizile soziale Geflecht rund um den Platz in den Griff zu kriegen. Wusstes du, dass hier im Viertel mehr als 60 verschiedene Nationalitäten vertreten sind?“ Die Bedienung hatte ihm das nächste Bier hingestellt, das er wieder auf ex leerte. „Dass zum Beispiel alle Parteien des Kosovo-Krieges hier mit mehreren Familien wohnen? Dass die Griechen die Albaner hassen, und die Libanesen alle Europäer?“ Elle trank einen Schluck: „Heißt dass, dass die eine ethnische Gruppe die andere gebombt hat?“ – „Das vermuten alle, die den Fall kennen. Und ignorieren damit alle anderen möglichen Motive – allen voran der doofe Schmörgel.“ – „Und die Presse?“ Robert hatte sich ihr zugewandt und verzog das Gesicht: „Die hat die Geschichte bisher verpennt, bisher…“

Dann kam das Essen. Robert kratzte die schmierige Pilzsosse von den drei handtellergroßen Schnitzel und ass schnell, während Elle ganz im Sinne ihrer Ernährungslehre langsam und bewusst Salatpartikel für Salatpartikel einzeln kaute, zwischendurch pausierte und ein wenig Schorle trank. Als sie fertig war, hatte Robert nicht nur Fleisch und Fritten verputzt, sondern drei weitere Glas Bier und einen Killepitsch vertilgt. Ihm war ein bisschen übel, wie immer, wenn er im A-Hof Jägerschnitzel gegessen hatte.

publiziert am 08.08.11 in Völkerwanderung ¦ 760x gelesen ¦ noch kein Kommentar