Der Inhaber

Hauptkommissar Robert Greiper hasste Handys. Das lag weniger daran, dass er nicht ständig erreichbar sein wollte oder dass ihm Menschen mit Telefonen am Ohr auf der Straße und im Auto missfielen; er telefonierte einfach nicht gern. Früher war es leicht, dem Fernsprechen zu entgehen – man mied einfach Orte mit Telefonen. Aber er hatte sich dann doch dem neumodischen Kram nicht ganz entziehen können und besaß ein Mobiltelefon. Eines das der Hersteller gern zurückgehabt hätte, denn dann hätte es einen Platz im Werksmuseum gefunden. Um nicht versehentlich angerufen zu werden, hatte er das Teil vor Jahren stummgeschaltet, und den Vibrationsalarm hab es im Baujahr des Geräts noch nicht. Seine Freundin Elle wusste mit diesem Handicap umzugehen; sie schrieb ihm Textnachrichten, die nur aus einem Satz bestanden: „Ruf mich an!“ Bei aller Aversion schaute Greiper nämlich doch so alle halbe Stunde nach, ob jemand ihn hatte erreichen wollen. Als er in der Straßenbahn Richtung Innenstadt saß, fand er einen Anruf in Abwesenheit. Und rief zurück.

HH meldete sich ganz korrekt, aber der Hauptkommissar bellte bloß: „Was?“ Sein viel zu häufig alleingelassener Helfer stotterte leicht: „Er ist hier. Sitzt hier vor mir!“ – „Wer?“ – „Na, der Inhaber von der Bar, der Herr Åkelomme!“ – „Frag ihn, was er will.“ – „Aussage machen, Herr Hauptkommissar. Aber nur bei ihnen.“ – „Komme“, nuschelte Greiper ins Handy und drückte HH weg.
Kaum zehn Minuten später lief er im Präsidium ein. Langsam ging er den Gang entlang, in dem sein Zimmer lag, und schielte im Vorübergehen durch das Fenster in der Tür. Da saß der Typ ganz lässig und unterhielt sich mit HH. Recht jung fand Greiper den blonden Kerl, der ihn ein bisschen an diesen norwegischen Attentäter erinnerte, dessen Name ihm nicht einfiel. Er drehte um und betrat sein Büro. „Das ist aber schön, dass Sie zu uns gefunden haben, Herr Åkelomme. Hätte allerdings erwartet, Sie spätestens am Tag nach der Explosion ihres Etablissements hier zu sehen. Nun sind Sie also hier, und als erstes würde ich gern Wissen: Wo sind ihre Barmänner? Die sind nämlich seit dem Vorfall verschwunden.“ Der Deutschdäne hatte sich erhoben und reichte dem Kriminalbeamten die Hand. Greiper ignorierte die Gest und warf sich auf den ausgeleierten Drehstuhl vor seinem Schreibtisch. „Sie können gehen, HH“, sagte er noch und tat so, als würde er mit der Maus am Computer etwas Sinnvolles anstellen.

Auch der nominelle Besitzer der ausgebombten Bar hatte wieder Platz genommen. „Krieg ich eine Antwort?“ hakte der Hauptkommissar nach. Der Mann räusperte sich und sagte kurz: „Keine Ahnung.“ – „Keine Ahnung, ob Sie antworten wollen, oder keine Ahnung, wo ihre Leute sind?“ – „Ich weiß nicht, wo Kawa und Asan sind.“ Greiper tippte sinnlos auf der Tastatur und würdigte sein Opfer keines Blickes. „Merkwürdig. Wäre ich Barbesitzer und wohnte weit weg, dann würde ich schon wissen wollen, wo meine Angestellten sind.“ Møre Åkelomme druckste herum: „So ist das ja gar nicht. Ich bin ja nur auf dem Papier Inhaber der Bar. Weil die beiden keine Lizenz gekriegt hätten, wegen ihrer Staatsangehörigkeit.“ Der Hauptkommissar wandte sich dem Verhörten zu: „Sie sind also bloß ein Strohmann, richtig?“ Der Mann nickte. „Dann wundert es mich aber, dass Sie sich aus…“ Er tat, als sähe er auf dem Bildschirm nach. „…Neumünster angereist sind, obwohl es Ihnen doch egal sein könnte, was mit dem Schuppen passiert ist.“ Wieder wand sich der Rechtsanwalt aus dem fernen Schleswig-Holstein auf seinem Platz. „Ich bin eigentlich gar nicht wegen des Anschlags auf das Lokal hier. Ich wollte eine Vermisstenanzeige aufgeben.“
Greiper schoss hoch: „Eine Vermisstenanzeige? Und wer hat Sie da zu mir geschickt??“ – „Na, der junge Mann von eben, den ich ja vom Telefon her kannte.“ Sein Gegenüber schnaubte vor Wut: „Und weshalb geben Sie diese Anzeige nicht in dem Scheißkaff auf, wo sie wohnen?“ Møre Åkelomme war in sich zusammengesunken. „Weil es die Bar betrifft.“ – „Um wen geht es, verdammt nochmal?“ Der Hauptkommissar war jetzt ernsthaft böse. Da sollte er im Eiltempo einen unübersichtlichen Fall aufklären, und dieser Idiot von einem Kommissar setzte ihm jemanden ins Zimmer, der eine Vermisstenanzeige aufgeben wollte. „Um meine Freundin“, stammelte der Typ mit dem komischen Vornamen, „die hat hier gewohnt und in der Bar ausgeholfen. Und ihre Mutter auch…“

publiziert am 14.09.11 in Völkerwanderung ¦ 671x gelesen ¦ noch kein Kommentar