Peter Kürten

Viel hatte Fiona nicht zu packen. Sie reiste gern mit kleinem Gepäck. Und die überstürzte Abreise kam ihrer Vorliebe für dramatische Momente entgegen. Bisher hatte sie niemandem, auch nicht Robert, gebeichtet, wer sie wirklich war und was sie in der Stadt zu tun hatte. Keiner wusste, dass sie unter dem Pseudonym Jack Jared seit Jahren in den USA höchst erfolgreiche Kriminalromane schrieb. Ein Kritiker nannten sie den König der Doku-Krimis, denn von ihren sieben Büchern basierten sechs auf tatsächlichen Fällen aus verschiedenen Epochen und in verschiedenen Ländern. Andere Rezensenten lobten besonders die akribische Genauigkeit der Schilderung fremder Kulturen und vergangener Zeiten. Fiona hatte sich auf die Kriminalhistorie des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts spezialisiert, und die Reise, die sie nun abbrechen würde, galt dem auch in den USA bekannten Serienmörder Peter Kürten, der zwischen 1913 und 1930 mindestens neun Morde begangen hatte, bevor man ihn im Juli des Jahres 1931 hinrichtete. Und um diese Figur herum wollte sie einen Roman schreiben.

Natürlich war sie über den berühmten Song von Randy Newman auf das Thema gestoßen, und natürlich war ihr bewusst, dass sich schon Stephen King durch Kürten hatte inspirieren lassen. Viel wichtiger war aber, dass sie im Vorfeld herausgefunden hatte, wo ihre deutschen Wurzeln genau lagen. Das Studium der Familienakten und das Stöbern in Archiven hatte ergeben, dass ihr Ur-Ur-Großvater Gottlieb Amsel aus Prag stammte. Allerlei Umstände hatten dazu geführt, dass die Familie in den Zanzigern ins Rheinland kam. Dort war ihr Opa geboren, der liebenswerte Kirchenmusiker Hans-Christoph Amsel. Der wurde in der Nazizeit Mitglied der Bekennenden Kirche und war, da kein besonders mutiger Mensch, 1938 in die Vereinigten Staaten emigriert. Zunächst spielte er einer deutschen Gemeinde in Ebensburg, Pennsylvania, vor, bevor er eine feste Anstellung an einer calvinistischen Kirche in Baltimore fand. Dort hatte er mit seiner Frau Hilde fünf Kinder, vier Töchter und einen Sohn, und dieser Knabe namens Johannes war Fionas Vater.
Die Mitglieder der Familie Amsel – nach dem Krieg waren Verwandte in die USA ausgewandert, und alle sammelten sich in Baltimore und einem Umkreis von kaum 100 Meilen – waren durchweg eng und harmonisch miteinander verbunden. Bei Festen im Haus des Großvaters kamen leicht 50, 60 Menschen zusammen, die dann voller Stolz Deutsch miteinander sprachen. Und all die vielen Amsels waren musisch begabt, spielten ein Instrumente, beherrschten ein Kunsthandwerk, malten, zeichneten oder fotografierten. Mit ihrem Hang zum Schreiben schlug Fiona ein bisschen aus der Art. Aber am Ende war sie die einzige, die mit der kreativen Arbeit wirklich erfolgreich war.

Nun saß sie mit dem gepackten Koffer und dem ebenfalls prall gefüllten Rucksack auf dem Bett in ihremn möblierten Appartement, von dem aus sie vier Monate lang Streifzüge unternommen hatte. Sie dachte an Robert, in den sie sich so sehr verliebt hatte. Und dass sie nie seine professionellen Kentnisse als Polizist ausgenutzt hatte und sie ihm unbedingt berichten müsse, was sie in der Nacht des Brandanschlags auf die Bar beobachtet hatte.

publiziert am 07.09.11 in Völkerwanderung ¦ 791x gelesen ¦ noch kein Kommentar