Erstes Geständnis

Greiper war ratlos. Zwei Fälle, fünf Tote, keine deutliche Spur. Zum ersten Mal seit Jahren hatte er nicht nur keine Spur, sondern keinen Schimmer, welche Zusammenhänge zu den Brandanschlägen geführt hatten. Was ihn völlig entmutigte war die Tatsache, dass dies alles in seinem Viertel geschehen konnte, in dem Quartier, in dem er bisher immer geglaubt hatte sich auszukennen. Aber wenn er ehrlich zu sich war, dann musste er zugeben, dass er eigentlich nur Stefano vom Eiscafé auf dem Platz wirklich gut kannte, vielleicht auch noch Branko. Da war er nun gut zweieinhalb Jahre beinahe jeden Tag an der Bombar vorbeigekommen, hatte den Duft der Shishas gerochen, der noch am Morgen durch die Straße zog, hatte sich über die Gäste geärgert, die mit ihren protzigen Kisten protzige Manöver rund um den Platz fuhren, aber nicht einmal gewusst, wer den Laden bewirtschaftete. Auch dass Ümit und Filim sich ein Lager teilte, hatte er erst jetzt herausgefunden. So saß er nun mal wieder auf einer Bank am Spielplatz in der brennenden Mittagssonne und dachte nach.
Hinter ihm bremste ein Streifenwagen scharf ab, zwei Beamte stiegen aus und kamen rüber. „Hauptkommissar Greiper?“ fragte der eine. Der nickte. „Bitte kommen Sie sofort mit“, sagte der andere. „Wer hat das angeordnet?“ – „Kriminaloberrat Schmörgel will Sie sprechen, und zwar sofort.“ Greiper stand auf, ging mit und nahm im Fond des Autos Platz: „Aber bitte ohne Blaulicht und Sirene, Kollegen…“

Die Beamten brachten ihn auf direktem Weg in den kleinen Sitzungssaal. Schmörgel saß am Kopfende, neben ihm HH, ein Kollege, den Greiper vom Sehen kannte, eine Frau mittleren Alters und Ulf aus dem Labor. Sein Chef bedeutete ihm, Platz nehmen. Er setzte sich auf die Seite des langen Tisches, von der aus der die Kollegin und Ulf beobachten konnte und ließ zwei Stühle zwischen sich und HH frei. „Bevor wir zur Analyse der Situation kommen“, begann der Kriminaloberrat, „möchte ich Sie alle darüber informieren, dass die hier Anwesenden ab sofort eine Kommission zum Fall der Brandanschlags auf die Bar am Platz bilden, deren Leitung ich persönlich übernehme. Als meine Stellvertreterin wird die seit vergangenen Montag aus Lüneburg zu uns gestoßene Kriminalrätin Renz-Mogawi fungieren. Herr Szczepanowski bildet die Schnittstelle zum Labor, und der Herr Houben macht die Dokumentation. Kollege Zimmermann…“, er zeigte auf den Beamten, dessen Namen Greiper nicht kannte, „…übernimmt die Verhöre und Greiper wird für den Innendienst abgestellt. Fragen dazu?“
Einer sah den anderen an, und dann schüttelten sich einige Köpfe. Greiper wusste, dass er verloren hatte und hatte keine Idee, wie er sich rehabilitieren könnte. Aber es kam noch schlimmer.

„Gut“, setzte Schmörgel fort, „dann möchte ich sie alle, Zimmermann weiß schon Bescheid, davon in Kenntnis setzen, dass wir im Fall des Brandanschlags auf das Reisemobil auf dem Parkplatz am Fluss ein Geständnis vorliegen haben. Der Täter heißt Lorenzo Bhy. Ja, HH, Sie nicken, das ist der Feuerkünstler, dessen Halle vor zwei Nächten abgebrannt ist. Es gab den Verdacht, dass er das Feuer selbst gelegt haben könnte, und bei den Vernehmungen durch den Kollegen Zimmermann brach der Verdächtige zusammen und legte in beiden Fällen ein umfassendes und detailliertes Geständnis ab. Wollen Sie kurz berichten, Herr Zimmermann?“
Robert hatte sich innerlich ausgeklinkt und musterte die neue Kriminalrätin im Team, eine wuchtige Rothaarige mit ungewöhnlich schmalen Augenschlitzen und einem spöttischen Zug um den Mund. Sie mochte Mitte Vierzig sein, also genau in dem Alter, in dem weibliche Kriminalbeamtinnen diese Laufbahnstufe erreichen konnten. Sie erwiderte seinen Blick, und Greiper meinte, ein ganz dezentes Zwinkern wahrzunehmen.
„Wir hatten den Herrn Bhy schon auf dem Schirm wegen einer anderen Sache und wussten, dass er erhebliche finanzielle Probleme hatte. Eine V-Person hatte zudem berichtet, in gewissen Kreisen sei bekannt, dass man den Täter für Brandanschläge mieten könne. Was den Brand seiner Halle anging, reichte es aus, ihn mit den Aussagen zweier Mitarbeiter und dem Bericht von Hauptbrandmeister Brandt zu konfrontieren. Er gab alles zu. Mir kam es vor, als wolle er die Sache schnell vom Hals haben, um sich verziehen zu können. Da habe ich ihn mit einem Bluff reingelegt und angedeutet, dass wir wüssten, wer den Brandsatz in der Wohnmobilsache angefertigt habe. Er erschrak und forderte sofort seinen Anwalt. Der kam eine Stunde später, Täter und Rechtsbeistand zogen sich zur Beratung zurück, und nach kaum zehn Minuten teilte der Jurist mit, Herr Bhy wolle ein Geständnis ablegen.“

Schmörgel setzte zum Applaus an, und alle Kollegen außer Greiper klatschten Beifall. „Lieber Kollege Zimmermann, das war eine große Leistung. Nun schildern Sie doch mal ein paar Details.“ Der mittelgroße Typ in der billigen Lederjacke, dem man seinen Beruf nun wirklich nicht ansah, kratzte sich am Kopf: „Einzelheiten haben wir noch nicht. Der Täter hat sich ausgebeten, einen schriftlichen Bericht anzufertigen und hackt seit gut fünf Stunden ununterbrochen auf die Tastatur seines Notebooks ein, das ihm der Anwalt gebracht hat. Sein Deutsch sei so schlecht, dass er lieber einen Report in englischer Sprache verfassen wolle.“ Greiper richtete sich auf: „Es gibt also keinen Zusammenhang mit dem Anschlag auf die Bombar.“ Der Oberrat ergriff das Wort: „Das wissen wir doch noch nicht, Greiper.“ – „Und was ist mit dem DNA-Befund, dass die toten Frauen im Reisemobil und in der Bar miteinander verwandt waren, Ulf?“ Der forensische Assistent zuckte zusammen und hoffte, Greiper würde nicht auf die Theorie zu sprechen kommen, es habe sich um Bulgarinnen gehandelt. Er fummelte an einem Schnellhefter herum und sagte dann: „Also die jüngere der Frauen aus dem Wohnwagen und die ältere aus der Kneipe, die sind zu mehr als 90 Prozent miteinander verwandt. Bei der zweiten Toten aus der Bar liegt die Wahrscheinlichkeit mit einer oder beiden familiär verbunden zu sein, bei rund 72 Prozent, und das Genmaterial der älteren Frau im Mobil weist zwischen 65 und 82 Prozent identischer Merkmale mit dem der anderen drei auf. Um es mal genau zu sagen…“

Die neue Kollegin hatte ihn während dieser Ausführungen genau gemustert. „Wenn ich auch mal etwas sagen darf“, begann sie defensiv, „Wir sollten das jetzt so stehen lassen und an die Arbeit gehen.“ – „Genau“, pflichtete Schmörgel bei, „los geht’s. Und Sie, Herr Greiper, kommen bitte gleich mit in mein Büro.“

publiziert am 01.11.11 in Völkerwanderung ¦ 724x gelesen ¦ noch kein Kommentar