Der Sebastianus-Hof

Immer noch wohnten Jakob, Sofia und die vier Kinder im Hause seiner Eltern. Tünn war mit den Jahren immer verschlossener geworden, und an einem trüben Herbsttag des Jahres 1932 rief er seinen einzigen Sohn zu sich ins Kantor. „Jakob, ich werde das Geschäft verkaufen. Noch läuft es recht gut, aber die politischen Veränderungen werden dazu führen, dass wir nach und nach immer weniger Umsatz machen werden.“ Der Junior verstand sofort: Wenn die Nationalsozialisten an die Macht kämen, würden Händler, die ihre Ware vorwiegend aus dem Ausland bezogen, Schwierigkeiten bekommen. Außerdem müssten die Greipers sich nach einer neuen Hausbank umsehen, wenn ihr jüdischer Finanzier aus dem einen oder anderen Grund sein Geschäft nicht weiter betreiben könnte. „Außerdem bin ich müde. Ich möchte meine letzten Jahre in Ruhe und Frieden verbringen, in einem kleinen Haus mit kleinem Garten in Flussnähe, nicht zu weit draußen. Mutter und ich haben schon das Richtige gefunden.“ Er nannte einen Vorort im Süden, der für seine Fährverbindung über den Fluss nach Westen bekannt war. „Nimm mir nicht übel, Jakob, dass ich das alles ohne dein Zutun beschlossen habe. Und sei mir nicht gram, dass ich bereits alles in die Wege geleitet habe.“

Dass Antonius Jeroen Grijpstra, der nun Tünn Greiper genannt wurde, keine besonders vertrauensvolles Verhältnis zu seinem Sohn hatte, war nicht verwunderlich, hatte der doch entscheidende Jahre draußen in der Welt verbracht. Und maulfaul, ja verschlossen waren sie beide. „Der Handel geht an den Pütz, der hat einen guten Preis geboten. Den Laden übernimmt der Konsumverein. Das Haus ist bereits gekauft und bezahlt. Und den gesamten Überschuss, den werde ich dir übereignen als Startkapital für eine neue, eigene Existenz. Die Urkunden bei Notar Heiermeier sind gefertigt, wir müssen nur noch unterschreiben.“ Jakob war erstaunt und erschrocken zugleich. Hatte er sich doch darauf eingerichtet, immer weiter der Nachfolger des Vaters im Kolonialwarenhandel zu bleiben, auch wenn ihn weder der Handel an sich, noch das konkrete Geschäft sonderlich interessierte. So nickte er bloß und ging schnurstracks in die Küche, wo er seine Frau vermutete.

Sofia wusste bereits Bescheid. Natürlich hatte ihr die Schwiegermutter schon alles erzählt. Und mit der hatte sie auch schon ausgeheckt, was sie und Jakob tun könnten. Er setzte sich an den großen Tisch, sie brachte ihm eine Tasse Kaffee und nahm ebenfalls Platz. Geduldig hörte sie sich an, was er über das Gespräch mit dem Vater zu berichten hatte. „Und nun“, endete er, „stellt sich die Frage, welche Art Geschäft ich eröffnen soll.“ Im Widerstand gegen die bösen Nachbarn und mit solidarischer Hilfe Hedwigs war die einst zarte Sofia inzwischen zu einer starken Frau gereift. Die drei Schwangerschaften hatten auch ihren Körper robuster gemacht, die Hüften verbreitert und den Gang verändert. Mit ihren knapp 26 Jahren war sie nun voll und ganz erwachsen. „Was hältst du davon, wenn wir den Sebastianus-Hof übernehmen? Die alten Meusers wollen sich zur Ruhe setzen, und Kinder oder Enkelkinder haben sie nicht. Mein Vater hat erzählt, dass die Nachfolger suchen…“ Jakob dachte nach und versuchte herauszufinden, ober sich selbst als Wirt vorstellen konnte. Das fiel ihm schwer, aber umso leichter war es für ihn, seine geliebte Ehefrau, die Mutter seiner Kinder, hinter dem Tresen stehen zu sehen, um den Gästen das gute Gefühl zu geben, willkommen zu sein. Und schließlich hatte er sich schon auf ganz andere Lebensumstände einstellen müssen. „Ich denk drüber nach“, brummte er und ging an seinen Schreibtisch im hintersten Winkel des Apfellagers.

Und so fand am 28. Januar des Jahres 1933 die große Neueröffnung des Sebastianus-Hofes unter neuer Leitung statt. Der Gasthof, den seine Gäste meist „Wirtschaft“ nannten, bestand an dieser Stelle schon über 400 Jahre. Allerdings hatte das Gebäude nichts mehr mit dem ursprünglichen Gasthaus zu tun, das Teil eines recht großen Bauernhofs am Stadtrand war. Inzwischen residierte die Wirtschaft im Erdgeschoss eines gewaltigen Eckhauses von 1871, einem Gründerzeitbau mit repräsentativer Beletage, die inzwischen in zwei Wohnungen aufgeteilt war, von denen die Familie Greiper die größere Hälfte angemietet hatte. Da es in diesem Viertel nördlich der Innenstadt nur wenig Gastronomie gab, war der Sebastianus-Hof das Zentrum des sozialen Lebens, dazu Stammquartier der örtlichen Schützenvereine, und im Saal feierten die Karnevalisten ihre Sitzungen. Die Meusers hatten vor wenigen Jahren vier hochmoderne Kegelbahnen im Keller einbauen lassen, so dass auch an den Wochentagen ein gleichbleibender Strom Gäste zu erwarten war.
Natürlich war Tünn nicht zur Einweihung erschienen. Hedwig hatte sich dagegen eigens eine Droschke genommen, um den weiten Weg quer durch die Stadt auf sich zu nehmen. Schon eine Stunde nach Türöffnung waren alle Stammgäste da und taten das, was sie immer taten: Kartenspielen, trinken, schimpfen, reden, rauchen. Sofia füllte sofort doe Rolle der Wirtin aus, während Jakob versuchte, sich im Hintergrund zu halten und für die reibungslose Versorgung der Anwesenden mit Speis und Trank zu sorgen. Aber sein Verhalten würde sich schon bald enorm und unerwartet ändern.

publiziert am 09.02.12 in Völkerwanderung ¦ 744x gelesen ¦ noch kein Kommentar