Viel Regen

Seitdem die Menschen aus dem feuchten Norden im Sommer in den Süden reisen, ans Mittelmeer, und der Kälte auf die Kanaren, nach Südostasien oder in die Karibik entfliehen, haben sie die südlichen Bräuche und vor allem den südlichen Bekleidungsstil mitgebracht. Auch wenn kalkweiße, krampafdrige Männerbeine in Shorts kein schöner Anblick sind und gelbe Fußnägel in billigen Flip-Flops Ekel auslösen können, wenn leptosom verkrümmte Frauenrücken spaghettidünne Oberteile kaum halten können und niemand freiliegende Bauchnabel mittelalter Damen sehen möchte: Sobald die Sonne mehr als drei Tage lang scheint und die Temperaturen sich oberhalb des 20-Grad-Äquators ansiedeln, rüsten die Deutschen auf mediterrane Kleidung um. Nicht ahnend, dass zum Beispiel in Italien kein besserer Herr auf die Idee käme, nicht in Oberhemd und Stoffhose ins Büro und in die Bar zu gehen, das leichte Sakko gern lässig am Daumen über der Schulter getragen. Oder irgnorierend, dass das Tragen kurzer Hosen und ärmelloser Unterhemden in vielen heißen Regionen der Welt ein Zeichen von Armut sind. Und dass wer auf sich hält auchbei größter Hitze im korrekten Dreiteiler herumläuft – so wie William Williams am Platz. Roberts Verhältnis zur Kleidung ist von solchen Deformationen und Konventionen frei, er trägt eigentlich immer dasselbe.

Elle versucht seit Jahren, ihm einen Stil zu verpassen, wenn er sich denn schon nicht nach der jeweiligen Mode anziehen will. Und so überredet sie ihn etwa alle achtzehn Monate zu einer Shoppingtour, bei der dann ein modisches Stück für ihn herausspringt, dass er dann zwei-, dreimal anzieht, um es anschließend im Schrank zu vergessen. Robert trägt Jeans. Immer von derselben Marke, immer mit demselben Schnitt, seit fast fünfzehn sogar in derselben Größe. Er besitzt jeweils fünf, sechs Stück, von denen zwei sich in verschiedenen Zuständen des Verschleisses befinden; die heißen Lieblings-Jeans und kommen immer dann zum Einsatz, wenn es entweder locker zugeht oder Elle nicht da ist. Ansonsten unterscheiden sich die Hosen nur durch die Farbe: es gibt schwarze, ergraute, dunkel- und hellblaue Exemplare. Sommers wie winters trägt er schwarze T-Shirts, die er im Berufskleidungsladen erwirbt. In der kalten Jahreszeit dienen sie als Unterhemden, über denen dann Rollkragen- und gelegentlich Kapuzenpullover zum Einsatz kommen. Für bestimmte Anlässe gibt es drei Oberhemden und drei Polohemden einer bekannten Marke. Im Grunde entscheidet sich Robert anhand der Temperaturen und Niederschläge nur für das, was er drüber trägt. Und freut sich immer, wenn er Gelegenheit gibt, seinen altgedienten Trenchcoat, den ihm seine Frau vor fast fünfundzwanzig Jahren auf einem Pariser Flohmarkt gekauft, anziehen zu können. Und nicht die schwarze Lederjacke oder dieses hellgraue Allwetterjacke, von der Kollege HH immer sagt, es handele sich um eine Schimanski-Jacke, was aber nicht stimmt.

Der Regen hat sich herangeschlichen. Während Robert noch auf der Terrasse vor dem Café an der Flusspromenade saß, waren einzelne kleine Tropfen in seinen Espresso gefallen. Als er nach dem Zahlen wieder ins Freie trat, lag Wasser in der Luft. Und nun sind die Tropfen dicker geworden, der Niederschlag dichter. Jedesmal wenn eine solche Wasserkugel das Trottoir trifft, wird Staub aufgewirbelt, und zwischen den Einschlägen liegen noch viele trockene Stellen. Er spürt einzelne Tropfen, die durch sein Dichtes Haar auf die Kopfhaut sickern. Senkrecht fällt der Regen, und jetzt läuft er auf einen dichten Vorhang zu, der sich um ihn schließt, sodass er in Sekunden vollkommen durchnässt ist. Dann verfällt er in einen Laufschritt, erkennt, dass es zu spät ist, sich unterzustellen und rennt im Joggertempo nach Hause.
Das Wasser steht einen Daumenhoch auf der Terrasse, und die dicken Tropfen wirbeln es so auf, dass die Spitzer auf dem Parkett im Wohnzimmer landen. Robert schließt rasch die Tür und wischt auf. Dann zieht er sich aus, duscht schnell und trocknet sich ab. Nimmt ein paar frische Jeans aus dem Schrank und ein trockenes T-Shirt. Findet den Trenchcoat und zieht ihn über. Verstaut Handy und Brieftasche, steckt den Schlüssel ein und geht in den dichten Platzregen.

Jetzt weiß er, wer der Täter ist. Ihm ist völlig klar, wer die Bombar in die Luft gejagt hat. Keinen Zweifel hat er. Nur das ungute Gefühl, dem Täter nichts beweisen zu können. Gar nichts. Den also dazu bringen zu müssen, ein Geständnis abzulegen. Und dazu muss er ihn erstmal finden.

publiziert am 27.02.12 in Völkerwanderung ¦ 706x gelesen ¦ noch kein Kommentar