Ganz Ohr – Teil 2

Der geplagte Studienrat im gigantischen Möbelmarkt war dagegen mit einem abgeschnittenen Ohr konfrontiert, das in der Schublade lag, die Elias in seinem Eifer aus der Schrankwand gezogen hatte. Das Organ war sorgfältig vakuumverpackt und sah aus wie ein Stück Schwein an der Fleischtheke des Supermarkts. Der herbeigerufene Marktleiter interessierte sich weniger für diese forensischen Details, sondern war bemüht, den Kreis der Mitwisser klein zu halten, Kunden zu isolieren und mit Warengutscheinen mundtot zu machen. Nachdem sich die Familie des Finders einigermaßen beruhigt hatte und in der Kantine mit Kaffee und wahlweise Keksen oder Hotdogs zu Normalverhalten kam, machte ihnen der Chef der Filiale ein unmoralisches Angebot, das darauf hinauslief, den Vorfall unter dem Teppich zu halten, nicht die Polizei zu verständigen und dafür eine Einrichtung nach Wunsch kostenlos zu beziehen.
Erst am nächsten Morgen kamen dem Lehrer ethische Bedenken. Nach dem Frühstück rief er im Präsidium an und gab seinen Bericht ab. Seine Frau hätte lieber die Möbel gehabt und war sauer auf ihn.

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Wer vor dreißig Jahren prophezeit hätte, dass aus der kleinen Möbelfabrik im hintersten Winkel der Steiermark eines Tages eine der umsatzstärksten Ketten für Einrichtungsgegenstände werden würde, den hätte man bestenfalls verspottet, vielleicht aber auch der Psychiatrie zugeführt. Dabei war an der rasanten Entwicklung kein Mitglied der alteingesessenen Familie beteiligt, denen die Fabrik zu hundert Prozent gehörte. Jedenfalls vor der Zeit, als Siegbert Schaidler, der gelernte Einzelhandelskaufmann geringer Körpergröße, das Recht erwarb, die dort gefertigten Produkte exklusiv in ganz Europa verkaufen zu dürfen.
Zunächst belieferte der Mann aus dem Schwäbischen die noch existierenden Möbelhäuser in Deutschland mit den schweren Massivholzteilen, die man in der Halle neben der Sägemühle von Altbach seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts fertigte. Dann brachte er die Produkte bei den großen Versandhäusern unter. Schließlich überredete er das Oberhaupt der Familie, den alten Penzner, dazu, eigene Filialen zu eröffnen. Und zwar nicht in den Großstädten, sondern überall da, wo in der Provinz neue Gewerbegebiete mit Autobahnanschluss entstanden. Bald fanden sich in den Wohnstuben der Großbauern genauso wie in den Reihenhäusern der Stadtflüchtlinge viele Original-Landmöbel österreichischer Provenienz.
Doch nach kaum einem Jahrzehnt flaute das Geschäft ab. Wer eine Penzner-Wohnwand erworben hatte, der brauchte nie wieder eine neue, denn die Er-zeugnisse der steierischen Fabrik waren haltbar, sehr haltbar sogar. Das missfiel dem ehrgeizigen Schwaben, der inzwischen mit etwas weniger als der Hälfte der Anteile am Unternehmen beteiligt war. So heiratete Schaidler eine Nichte des alten Penzner, die sonst niemand haben wollte. Sie brachte weitere 12,5 Prozent mit in die Ehe, und schon hatte der Mann, den seine schwere Gattin um Haupteslänge überragte, das Sagen in der Fabrik.

So wurde aus der Möbelfabrik Penzner aus Altbach in der Steiermark die Austria Möbel- und Einrichtungskette, kurz: AMEK. Die erste Tat Schaidlers bestand darin, eine brandneue Produktpalette entwickeln und produzieren zu lassen. Nun wurden keine ganzen Baumstämme mehr in Dutzenden von Arbeitsschritten von in Ehren ergrauten Schreinern in Schränke, Eckbänke und Kommoden verwandelt. Aus dem uralten Holz der Talwälder ließ er Späne erzeugen, die man unter Hinzufügung von Kunstharz zu maschinell nutzbaren Platten presste, aus denen Maschinen machen konnten, was er wollte.
Die Produkte waren frisch, modern, billig und zum alsbaldigen Verbrauch bestimmt. Die AMEK belieferte ihre Märkte nur mit den Bauteilen, die dort in Hochregalen gestapelt von den Kunden ausgewählt und gegen Gebühr vor Ort oder im Domizil des Käufers montiert wurden. Dass bei einer kompletten Wohnungseinrichtung der Montageaufschlag leicht den Wert der Ware überstieg, fiel dem ergebenen Publikum kaum auf. Stilistisch lag das Angebot im Stil der Zeit: nüchtern, klar und entweder mit weißen oder pastellfarbenen Oberflächen.
Hinzu kam Schaidlers Naturtalent für das Marketing. Nachdem er auch in der Nähe jeder größeren Stadt einen Möbelmarkt errichtet hatte, ließ er jährlich einen Katalog produzieren, der nicht bloß eine Liste der lieferbaren Stücke darstellte, sondern von der geneigten Kundschaft als Fibel für zeitgemäßes Wohnen anerkannt wurde. Die jungen Leute kamen in Scharen, wenn sie Möbel für die ersten eigenen Wohnungen brauchten, und AMEK wurde bald eine Marke, die in Deutschland, Österreich und der Schweiz jeder kannte.

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Dann erschienen zwei Polizeimeister in Uniform bei der Lehrerfamilie. Man bat den schweren dunkelhaarigen Kerl und die schmale Blonde, die als Repräsentanten der Staatsmacht eingetroffen waren, in die Küche und bot Tee an. Stattdessen fragte die Polizistin, wer denn was wann und wo gefunden habe, aber der Hausherr setzte zunächst zu einer längeren Schilderung der Umstände an, denn er unterrichtete Deutsch in der Sekundarstufe II. Die Beamten blieben ruhig und ließen ihn erzählen. Ab einem gewissen Punkt machte sich der Dicke mit einem Bleistift Notizen.
Elias wurde herbeizitiert und berichtete sehr anschaulich vom abgetrennten Ohr, das in feste Folie eingeschweißt in der Schublade einer Kommode lag, die laut Etikett Waltrud hieß. Auch dieses Detail zeichnete der männliche Teil des Duos auf.

publiziert am 14.03.12 in Einzelteile ¦ 992x gelesen ¦ noch kein Kommentar