Ganz Ohr – Teil 1

Wer in diesen Tagen einigermaßen bei Verstand war, der dachte ans Auswandern. Die Stadt hatte das mieseste Wetter angezogen, das die geografischen und klimatischen Bedingungen hergaben. Es war Oktober, aber es fühlte sich an wie ein nasser April. Jede andere Jahreszeit durfte man herbeisehnen, um diesen grau-feuchten Herbst zu vertreiben. Es regnete seit neun Tagen beinahe ohne Unterbrechung, und das Thermometer war nie unter zehn Grad gesunken oder über zwölf Grad gestiegen. Und dieser Montag war besonders schlimm, denn die Herbstferien hatten begonnen, und alle Lehrkräfte hatten mit ihren Ehepartnern sowie den etwaig vorhandenen Kindern den großen Möbelmarkt am Rande der Stadt aufgesucht, den man nur über eine eigens für ihn angelegte Autobahnausfahrt erreichen konnte.
Elle und Robert nutzten die Gunst der Stunde, die ihnen zufällige und gleich-zeitige Verschiebungen im Schichtdienst eingebracht hatten, um endlich nach den schönsten Stücken für ihre erste gemeinsame Wohnung zu stöbern. Dass sie dazu nicht die Filiale der besagten Möbelkette aufsuchten, ergab sich aus intensivster Überzeugungsarbeit Elles, die sie an ihrem Lebenspartner, der eher dem Schlichten zugetan war, über Jahre ausgeübt hat. Und so durchstreiften sie die Läden in der Altstadt, die mit Klassikern der modernen Möbelkunst gefüllt waren.

Hauptkommissar Greiper trug einen Trenchcoat, der wasserfest aussah, dessen Nähte aber über die Jahre undicht geworden waren. Der Regen hatte die Konsistenz von Feinstaub, sodass er die Nässe auf dem kurzgeschorenen Schädel spürte oder im Gesicht, wenn der Wind ungünstig stand, aber nicht das Gefühl hatte, nass zu werden. Nur unter dem Mantel, da fühlte er, dass seine Kleider langsam klamm wurden. Sie würden gleich den Markt überqueren und an dem Eckcafé vorbeikommen, in dem sich frühmorgens die Besitzer der Stände beim Milchkaffee trafen und mittags die Schönen aus den Agenturen, die sich zwischen dem Markt und der Promenade häuften, während am Abend vorwiegend Menschen aus dem Schaugeschäft diese Lokalität aufsuchten, die immer noch aussah wie zu den Zeiten, als man hier Sauerbraten servierte und Kassler mit Sauerkraut. Frau Dr. Elke Hülchenrath und er würden genau in die Phase des Tages geraten, in dem das Café fast leer stand und die alte Wirtin sich aus der Küche hinaus traute, um am Leben teilzunehmen.
„Wie wär’s mit ’nem Milchkaffee?“ fragte Robert, und sie stimmte zu. Auch wenn es wenig Grund gab, sich aufzuwärmen, hatte sie doch den starken Wunsch, ein paar Minuten im Trocknen zu sein, ohne von blasierten Antiquitätenhändlern abschätzig betrachtet zu werden, weil sie beide nicht standesgemäß gekleidet waren. Bei AMEK, dachte Greiper, fragt keiner danach, was du anhast, und wünschte, sie würden die gemeinsame Einrichtung dort aus dem standardisierten Angebot wählen.

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Ein erschöpfter Studienrat in seinen frühen Vierzigern, der mit drei quirligen Kindern und einer Gattin am Rande der Hysterie gestraft war, schob den schweren Einkaufswagen durch die überfüllten Gänge der Möbelausstellung und dachte darüber nach, wann er zum ersten Mal eine Filiale der Möbelhauskette AMEK betreten hatte, wann dieses Globalunternehmen mit alpinen Wurzeln überhaupt im Lande aufgetreten war und welches Möbelstück er damals erworben hatte. Die im Minutentakt schrillenden Hinweise seiner Ehefrau auf neue Angebote oder Sonderpreise prallten an ihm ab, genauso ignorierte er, dass die zwei Jungs im Alter von sieben und neun sowie die sechsjährige Tochter einem Teil der anwesenden Konsumenten gehörig auf die Nerven gingen, indem sie grundsätzlich an den Ausstellungsstücken herumspielten, für die sich potenzielle Käufer ernsthaft interessierten. Die Gattin streute ein gelegentliches Lasst-das in ihren Redestrom ein, was aber wirkungslos blieb, und eigentlich hätte sich jemand aus der Schar der von Kauflust gebeutelten Bürger erbarmen und einem der Kinder eine Maulschelle verpassen müssen – aber zu solchen Erzie-hungsmitteln zu greifen, davon war man vor Jahren abgekommen.
Kurz nachdem ihm wieder eingefallen war, dass es damals ein Kellerregal aus Kiefernholz war, das er genauso gut und billig hätte selbst schreinern können, hörte der Lehrer seinen Sohn Elias schreien. Der stand vor einer Schrankwand mit Fronten in blassbrauner Schleiflackoptik, hatte eine Schublade in der Hand und brüllte. Bruder Jonas und Schwester Sarah waren hinzu geeilt, hatten ebenfalls einen Blick in die Lade geworfen und sich am Kreischkonzert beteiligt. Noch bevor der Pädagoge ankam, hatte die Mutter seiner Kinder den Tatort erreicht und eine Ohnmacht der folgenden Diskussion vorgezogen.

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Elle hatte von Natur aus Höhenangst. Sie wagte es nie, auf der Terrasse von Roberts Wohnung, die in der sechsten Etage lag, ans Geländer zu treten. So hatten die beiden von vornherein ausgeschlossen, wieder über den Dächern der Stadt zu wohnen, obwohl der Hauptkommissar vor gar nicht langer Zeit behauptet hatte, nur Freilandhühner würden am Boden leben. Nun war seine Geliebte und Gefährtin nicht der Typ für eine Doppelhaushälfte oder 3-Zimmer-Küche-Diele-Bad. Entsprechend schwierig hatte sich die Suche gestaltet. Aber da sie beide in das geheime soziale Geflecht der Stadt, in den Klüngel aus Künstlern, Kaufleuten und Chaoten eingebunden waren, bekamen sie immer wieder Tipps, dass hier oder da eine ungewöhnliche Behausung zu haben sei.
Als sie dann an einem der heißesten Tage im Juni an der Hafenmauer unterhalb der alten Futtermittelfabrik standen und den Lastkahn sahen, da war es um Elle geschehen. Hier würde sie wohnen, soviel war klar. Und sie ließ in Robert keinen Zweifel daran entstehen, dass sie auch ohne ihn dort einziehen würde.
Wer der Besitzer des zukünftigen Hausboots war, fanden Sie schnell heraus. Denn kaum hatten Sie das Deck über eine morsche Planke geentert, brüllte jemand aus einiger Entfernung eine Menge übler Beschimpfungen. Und sie sahen einen Mann in Schwarz auf dem Vordach eines Schuppens, der wild gestikulierte und Anstalten machte, von seinem Standort aus auf die Straße zu springen und zu ihnen zu eilen.

publiziert am 11.03.12 in Einzelteile ¦ 938x gelesen ¦ noch kein Kommentar