Königskinder 01

Liebe ist ein zarter Stoff, aus dem sich feine Geschichten schneidern lassen. Wie die Vielfalt der Gewebe, aus denen man Kleidung macht, so auch die Zahl der Möglichkeiten, wann und wie Liebe entsteht, wie sie lebt und atmet und wo sie endet. Manche Liebende kennen sich von Geburt an, andere treffen aufeinander, nehmen sich zunächst gegenseitig nicht wahr, um zu einem zufälligen Zeitpunkt an einem zufälligen Ort einander zu verfallen. Wieder andere arbeiten konsequent auf die Liebe zu einem bestimmten Menschen hin, und wenn sie dies mit Erfolg tun, dann verändern sie alles um sich herum. Das hat für alle Beteiligten Folgen, soviel ist sicher.
Dabei ist Liebe für den einen wie eine Gebirgswanderung, die auf steile Höhen führt, von denen sich ein Blick in grausige Abgründe bietet. Der andere sieht die Liebe wie das Schwimmen über einen tiefen See, unter dessen Oberfläche unbeschreibliche Gefahren lauern.

Die Beiden waren keine Königskinder, die nicht zueinander fanden, weil das Wasser zu tief war. Im Gegenteil, denn schon auf der Geburtsstation des gemütlichen Krankenhauses, in dem ihre Mütter sie unter unterschiedlich starken Schmerzen zur Welt gebracht hatten, kämpften sie tagelang in Brutkästen, die nebeneinander standen, um das bisschen Leben. In diesen Tagen war zudem der Vater der einen Frühgeburt unter rätselhaften Umständen verschieden, und dessen Mutter hatte noch im Wochenbett beschlossen, dieses Kind durchzubringen und etwas Besonderes aus ihm zu machen. Die Familie des anderen Säuglings war dagegen intakt bis zur Unerträglichkeit. Trotzdem blieben sie unzertrennlich, denn beiden überlebten die ersten Wochen und wurden in den aneinander gewachsenen Doppelhaushälften ihrer Eltern untergebracht.

Sie blieben unzertrennlich in ihren Kindergartentagen. Und immer eine Ein-heit, wenn es gegen andere ging. Dabei waren die Rollen verteilt: Extrovertiert, eine Spur großmäulig, ja, aggressiv, das eine Kind, in sich gekehrt, nachdenklich und defensiv das andere. So durchliefen sie die Kindheit in der unbedeutenden Vorstadt der mittelgroßen Stadt an einem schmalen Fluss. Ronny und Jojo nannte man sie, als wären sie Zwillinge, dabei sahen sie sich überhaupt nicht ähnlich. Und während Jojo, von seiner Mutter angetrieben, an allem teilnahm und immer der Sieger sein wollte, nahm Ronny das Leben, wie es kam.

Ungelenk war Ronny, weniger tapsig als motorisch unkontrolliert. So kam es zu Zusammenstößen mit anderen Kindern, und meistens war Ronny bei solchen körperlichen Auseinandersetzungen unterlegen. Dann griff Jojo ein, und die Gegner wurden nicht nur besiegt, sondern gedemütigt. Spätestens in der Grundschule fand Jojo Gefallen daran, andere Schüler einfach zu terrorisieren, sie zu beleidigen und zu schlagen. Ronny bewunderte Jojo und fühlte sich an dessen Seite immer sicher. Aber im Sommer, in dem sie acht Jahre alt waren, forderte Jojo Ronny zum ersten Mal auf, die Drecksarbeit zu übernehmen. Er hatte einem Mädchen aus der ersten Klasse das Federmäppchen geklaut, die weinte und rief einen Lehrer herbei. Unauffällig übergab Jojo das Diebesgut an seinen Gefährten, der damit verschwand. Dann begann er selbst zu schluchzen und behauptete gegenüber dem Lehrer, das Mädchen habe ihn gehauen, Ronny könne es bezeugen.

publiziert am 11.03.12 in Einzelteile ¦ 900x gelesen ¦ noch kein Kommentar