Schlafstelle [bearbeitet]

Über die Jahre war Sofia immer selbstbewusster, stärker und schöner geworden. Ja, nach der Geburt einer Tochter im Jahr 1933, kurz bevor das Ehepaar den Gasthof übernommen hatte, einer Nachzüglerin, sechs Jahre nach Karl August auf die Welt gekommen, blühte sie regelrecht auf. Und im Sommer vor dem Krieg war sie 33 Jahre alt und über alle Maßen attraktiv, sodass alle männlichen Gäste sie entweder umwarben oder heimlich begehrten. Da nun Köbes durch Partei, Volkssturm und Lokalverwaltung so in Beschlage genommen war, führte sie die Wirtschaft beinahe allein, unterstützt durch die junge Kinderfrau Amalie, die ihr die Schwiegermutter vermittelt hatte. Diese Amalie war Niederländerin und im Haushalt von Olav, dem Statthalter der Grijpstras in Vlissingen, aufgewachsen, eine Waise, über deren Herkunft wenig bekannt war. Es hieß, sie sei an Bord eines Handelsschiffes geboren von einer Frau aus Südamerika, die wiederum Mätresse des Kapitäns gewesen sein, der aber nicht ihr Vater war. Nahm man ihre Hautfarbe, Tönung und Struktur der Haare, Gesichtsschnitt, Form von Nase und Lippen zusammen, dann deutete vieles auf indigene Wurzeln aus der Amazonasregion hin. Amalie sprach ein perfektes Deutsch und strahlte bei aller der Arbeit, die sie mit Sofias sechs Kindern hatte, eine große Gelassenheit und einen stoischen Optimismus aus. Dann kam der Tag, an dem Erwin eintraf.

Vor der Übernahme der Macht durch die Nationalsozialisten war der Sebastianus-Hof ein beliebter Platz für fahrende Handwerker gewesen, was der alte Wirt auch gefördert hatte. Einer der beiden Säle war damals mit einem Dutzend Doppelstockbetten bestückt, die man den jungen Männern auf der Walz für kleines Geld als Schlafstelle vermietete. Köbes hatte diese Tradition nicht weitergeführt, zumal die Partei keine gute Meinung von Wandergesellen hatte, die ja vorwiegend der katholischen Handwerkerschaft angehörten und als unsichere Kantonisten galten. Auch Sofia beförderte dieses Angebot nicht weiter, denn sie war der Auffassung, dass Aufwand und Ertrag beim Beherbergen der armen Seelen in keinem guten Verhältnis standen. So verlor der Sebastianus-Hof seinen Ruf bei den reisenden Gesellen. Verirrte sich aber doch einmal ein Zimmermann auf Tour dorthin, ließ Sofia ihn gratis nächtigen und bot das Essen mit großzügigem Rabatt an.

So kam der damals dreiundzwanzigjährige Dachdeckergeselle Erwin Schinowski aus Tapiau, einer ostpreussischen Kleinstadt am Pregel, im Juli 1939 in die Stadt und fand Unterkunft in der Gaststätte des Ehepaars Greiper. Köbes gefiel das nicht, aber sein Unmut war nicht groß genug, um mit Sofia zu streiten, die gleich Gefallen an dem mächtigen Kerl mit dem lauten Lachen gefunden hatte.
Nun war Erwin ein Bursche, der es gewohnt war, sich zu nehmen, was ihm gefiel. Und da er wusste, dass seine Wanderschaft bald vorbei sein würde, weil man ihn zur Wehrmacht einziehen würde, hatte er für sich beschlossen, das Leben so lange zu genießen wie es ging. Natürlich gefiel im Sofia auf den ersten Blick und so entschied er, sein bisschen Erspartes in dieser Stadt an diesem Ort zu verprassen und die Wirtin schnellstmöglich zu verführen.

Nachdem er zehn Tage lang bis zur Polizeistunde beim Bier gesessen hatte, um dann brav zu zahlen und sich in den Schlafsaal zu verfügen, wo er der einzige Gast war, blieb er an einem Freitag im November einfach sitzen. Eine der Bedienungen bat ihn vergebens, zu zahlen und dann zu verschwinden, er aber weigerte sich. Und so hollte das Mädchen ihre Chefin herbei. „Ach“, sagte Erwin, „Frau Wirtin, seien Sie doch so gut, ein Glas Wein mit mir zu trinken.“ Und blinzelte sie mit seinen meerblauen Augen an. Natürlich lehnte Sofia mit einem Kopfschütteln ab. Er darauf: „Ich würde Ihnen im Gegenzug eine schöne Geschichte von der Walz erzählen, bei der es um die flüchtige, aber heftige Liebe der Gesellen geht.“ Erwin grinste so breit er konnte, und die Wirtin lächelte zurück.
Nun war es schon viele Monate her, dass Köbes zu ihr ins Bett gekommen war, und bisweilen spürte Sofia eine drängende Kraft in sich, die nach einem starken Körper verlangte, der sie unterwerfen und glücklich machen könnte. Dieser fremde Wanderer war genau der Typ Mann, dachte sie bei sich, der mich schwach machen könnte.

Die Kinderfrau wunderte sich, dass die Mutter der sechs Kinder nicht wie üblich gegen zwei Uhr in die Wohnung kam, um sie ins Bett zu schicken. Amalie war sogar ein wenig beunruhigt und blieb wach. So sah sie Sofia gegen vier mit gelöstem Haar und geröteten Wangen auf leisen Sohlen in die Küche kommen.

publiziert am 12.03.12 in Völkerwanderung ¦ 668x gelesen ¦ noch kein Kommentar