Ganz Ohr – Teil 5

Hauptkommissar Greiper war ein guter Zuhörer. Am liebsten hörte er sich selbst zu, wenn er laut über einen Fall nachdachte und dabei auf dem Küchenstuhl saß. Überhaupt war der quadratische, weiße Tisch mit den zwei passenden Stühlen sein Lieblingsplatz in der ziemlich kahlen Wohnung. Jetzt breitete er die drei Blatt Papier aus, auf denen die wenigen Fakten zum Fall des gefundenen Ohrs vermerkt waren.
„Ein abgeschnittenes Ohr ist noch kein Indiz für einen Mord“, sagte er laut. „Denn der Mensch kann auch dann leben, wenn ihm eine Ohrmuschel fehlt“, fügte er hinzu. Er dachte natürlich an Vincent van Gogh und Paul Getty, den entführten Milliardärssohn, dem man ein Ohr abgetrennt hatte, um es der Familie als Lebenszeichen zu schicken. Dem hatte das fehlende Körperteil nach erfolgreicher Befreiung einige Prominenz eingetragen. Vermutlich könnte man auch einigermaßen fröhlich ganz ohne Ohren leben, dachte Greiper. Es stellte sich im vorliegenden Fall also vor allem die Frage, ob der Besitzer des Ohres noch lebte. „Nehmen wir an“, formulierte er erneut laut vor sich hin redend, „der Besitzer des Beweisstücks sei quicklebendig. Dann sollte der ein vitales Interesse daran haben, denjenigen zu belangen, der ihm das Teil amputiert hat. So er in der Lage dazu ist, also über uneingeschränkte Bewegungsfreiheit verfügt. Meldet niemand den Verlust, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es sich hier um das Ohr einer Leiche handelt.“

Er nahm sich eine Flasche seines geliebten Altbiers aus dem Kühlschrank, öffnete sie und nahm einen langen kühlen Schluck. Wo, dachte Greiper in diesem Moment, werde ich über meinen Akten meditieren können, wenn ich erst einmal mit Elle auf dem Hausboot lebe?

***

Schaidler war ein Marketinggenie und als solches hatte er ein ausgeprägtes Gespür für des Volkes Willen. Er war davon überzeugt, dass das normale Menschenvieh nichts so sehr scheut wie die Veränderung. Deshalb kam für ihn, der einzig und allein den Erfolg an und für sich anstrebte, nur eine konservative Politik in Frage. Ihm war aber auch klar, dass seine persönlichen Ziele keine konservativen sein konnten, denn der Kapitalismus, an den er mehr glaubte als an alles andere, lebt von der Veränderung. Hatte er doch in den knapp zehn Jahren als Chef der AMEK den Wohngeschmack der Massen in Deutschland, Österreich, der Schweiz sowie einiger angrenzender Länder maßgeblich verändert. So wenig der Mensch die Veränderung mag, so sehr neigt er dazu, das einmal Gefundene immer wieder finden zu wollen. Auf dieser Mechanik, auch das wusste Schaidler, beruhte der Erfolg der globalen Handelsketten, der rund um den Erdball florierenden Hamburger-Restaurants und aller Unternehmen, die den Konsumenten überall dieselben Produkte zu annähernd gleichen Preisen boten.

Wer die Gewohnheiten des Volkes gefährdet, wird von diesem als Feind betrachtet. Über die Jahrhunderte hatten sich gerade die alpinen Stämme an eine Kultur gewöhnt, die ihnen einst von christlichen Missionaren aufgezwungen worden war. Ja, sie hatten dieses System aus Angst und Hoffnung so assimiliert, dass es ihnen als das einzig mögliche erschien. Wenn in einem kleinen steierischen Dorf die Kirchturmglocke zu Mittag schlug, dann waren die Bewohner in Sicherheit. Schaidler war zwar christlich erzogen worden, hatte aber im Laufe seiner persönlichen Entwicklung den Glauben aufgegeben. Aus dieser Position heraus war ihm gleichgültig, ob die Menschen in seiner Wahlheimat an Gott glaubten, an Allah oder irgendeine Götzentruppe. Ihm war nur wichtig, deren Angst zu verstärken, um ihnen als Hoffnungsträger zu erscheinen. So verwandelte sich Schaidler in wenigen Monaten zu einem der schärfsten Ausländerfeinde in der gesamten österreichischen Politikszene.

Mit einer Mannschaft strammer Karrieristen und einigen gekauften Claqueuren gelang es ihm, die Partei seiner Wahl fast vollständig und im Handstreich zu übernehmen. Einziger Punkt seiner politischen Agenda war die Reinhaltung Österreichs. Wer nicht in Österreich geboren war, sollte kein längerfristiges Aufenthaltsrecht mehr haben. Lediglich ausländische Betreiber von florierenden Unternehmen, die mehrheitlich Österreicher beschäftigten, sollten geduldet werden. So, versprach Schaidler, würde man die Arbeitslosigkeit abbauen und allen Österreichern Wohlstand bringen, während man die Schmutzarbeit von Fremdarbeitern erledigen ließ, die allerdings jeweils maximal sechs Monate im Lande verbleiben dürften.

***

Die Krisensitzung fand in einem dieser anonymen Meeting-Räume statt, wie man sie in allen von leerstehendem Büroraum beherrschten Städten finden kann. Im konkreten Fall hatten die Leute von AMEK sich im obersten Stockwerk des Hauses am Flusshafen zurückgezogen, das dem Bug eines Ozeanriesens nachempfunden war. Fleißige Catering-Mitarbeiter hatten ein gesundes Frühstück aufgebaut, und die Hausdame im blauen Business-Kostüm wartete darauf, die ersten Teilnehmer in Empfang zu nehmen. Der Deutschlandchef des Unternehmens hatte für acht Uhr am Morgen eingeladen und traf gegen halb neun als Erster ein – im Schlepptau eine junge Frau im aktuellen Model-Look, die als Protokollführerin dienen sollte.

Dann erschien der hiesige Marktleiter. Man begrüßte sich stumm mit einem Händedruck und bediente sich an den Thermoskannen. Der Mann vor Ort baute sein Notebook auf und testete den Beamer. Der Boss hatte sich mit seinem Handy in den Vorraum verzogen, während seine Assistentin die Aussicht auf den Strom genoss. Wie geplant lief auch der Vice President Marketing Europe auf, ein stämmiger Kerl in brauner Cordhose und schwarzer Windjacke, der den Aktenkoffer auf den ellipsoiden Tisch knallte und die beiden Anwesenden mit einem „Wer fehlt?“ begrüßte.

Der Deutschlandchef hatte sich derweil frisch gemacht und die Krawatte in den Firmenfarben Weiß und Blaßgrün zurechtgerückt. Die Konferenzuhr zeigte zehn als auch der PR-Berater eintraf. Der sah zerzaust aus als sei er gerade aus dem Bett gestiegen, was auch zutraf. Er nahm einen Kaffee direkt am Büffet, füllte die Tasse auf und ließ sich mit den Worten „Okay, worum geht’s?“ auf den Stuhl direkt neben der Leinwand fallen. Die drei Männer und die junge Frau hatten ebenfalls Platz genommen.
„Wir warten noch auf Felsheimer“, sagte der Mann, der die Gesamtverantwortung für AMEK Deutschland trug, „ohne den können wir nicht anfangen.“ Da meldete sich das Mobiltelefon des Marktleiters mit einem aktuellen Klingelton-Hit. Er ging dran, hörte einen Moment zu, gab ein „Oh, nein“ in die Sprechöffnung und rang um Fassung, während er die Taste zum Auflegen drückte. „Meine Herren, man hat ein zweites Ohr gefunden.“

publiziert am 01.04.12 in Einzelteile ¦ 768x gelesen ¦ noch kein Kommentar