Königskinder 05

Selbstverständlich engagierte sich Jojo auch im Rahmen der studentischen Selbstverwaltung; ausreichend Erfahrung hatte er aus seiner Zeit als Schüler-sprecher und war mit allen Wassern der politischen Machtspiele gewaschen. Im vierten Semester übernahm er handstreichartig den universitären Radiosender, warf die Typen raus, die immer irgendwelche Nischenmusik spielten und über Ökologie debattierten, und übernahm die Funktion eines Programmdirektors. Seine Ära war gekennzeichnet durch ein flottes Musikprogramm knapp unterhalb des Mainstreams und allerlei Call-In-Shows, die er bei den Privatfunkern abgekupfert hatte. So entdeckte ihn die Chefredakteuse eines solchen lokalen Senders und bot ihm einen Job als DJ an. Jojo konzentrierte sich auf den Spaß-Punk und war einer der ersten, der regelmäßig die Songs der trinkfreudigen Harten Hände spielte.

Zu einer Radiolegende in Bonn und Umgebung wurde er aber durch Reportagen, in denen es darum ging, pekuniär und geistig Arme durch harte Fragen zu denunzieren und so dem Gespött der Hörerschaft preiszugeben. Das Muster war immer dasselbe: Jojo streunte durch Einkaufszentren und Fußgängerzonen, um Opfer zu finden. Hatte er ein Zielobjekt ausgemacht, hielt er dem das Mikro unter die Nase und stellte Fragen wie „Sagensema, warum tragen Sie eigentlich so Scheißklamotten?“ oder „Na, heute schon in den Spiegel geguckt und die Hoffnung aufgegeben?“ Das alles ging live über den Sender und brachte Quote. Auf diese Weise begann Jojos Weg in die Popularität.

***

Man kann sagen, dass es das Schicksal nicht besonders gut mit Ronny meinte. Dass er die Studienjahre vorwiegend unbefriedigt hinter sich brachte, wäre noch zu verkraften gewesen. Aber kurz vor dem ersten Staatsexamen verun-glückte sein Vater bei der Ausübung eines Hobbys tödlich. Ronny war traurig, aber auch wütend darüber, dass sein Erzeuger nie vom Heimwerkern hatte lassen können und noch im fortgeschrittenen Alter keiner Leiter aus dem Weg gehen konnte, die irgendwo herumstand. Leider hatten die Götter für ihn einen Doppelschlag vorgesehen. Seine liebe Mutter, die einzige Frau, die er je geliebt hatte und lieben würde, hatte sich nach dem Tod des Gatten ihren immer schon latent vorhandenen Depressionen hingegeben und sich versehentlich per Tablettenmissbrauch das Leben genommen. Aber es kann immer noch schlimmer kommen, denn die Durchsicht der Nachlassunterlagen ergab, dass seine Eltern ihm nichts hinterlassen hatten außer einem noch einige Zeit zu tilgenden Hypothekendarlehen. Ronny war mit einem Schlag arm und konnte die Miete für die gemeinsam mit seinem Freund Jojo genutzte Wohnung nicht mehr zahlen. Der reagierte unerwartet mit den Worten „Dann musst du dir was Billiges suchen, und ich werde endlich in ein richtig schickes Appartement ziehen.“

publiziert am 24.04.12 in Einzelteile ¦ 984x gelesen ¦ noch kein Kommentar