Abgereist

Natürlich war dieses erste Kriegsjahr kein schönes Jahr. Ab April 1940 fanden immer mehr Trauerfeiern von Angehörigen gefallener Soldaten im Sebastianus-Hof statt. Irgendwann gehörte die Kneipe ganz den alten Männern, weil die Jugend zur Wehrmacht eingezogen wurde. Und am 15. Mai fielen die ersten Bomben auf die Stadt. Tünn, der von allen Männern im Viertel am besten informiert war, weil er den Tag vorwiegend mit Zeitungslektüre und Rundfunkhören verbrachte, beruhigte die Gäste und seine Familie. Der Angriff habe den Stahlwerken gegolten, es habe nur sieben Verletzte und einen Toten gegeben. Aber die Zahl der Bombardierungen stieg. Immer mehr Stadtteile, auch solche ohne kriegswichtige Einrichtungen, waren betroffen. So ging das in diesem Jahr, und es nahm auch 1941 kein Ende – nur die Siegesmeldungen wurden weniger. Im Jahr 1941 hatten sich die Menschen in der Stadt mit dem Krieg arrangiert. Der Gasthof lief wieder gut, Versorgungsengpässe gab es noch nicht.

Der Sommer, der keiner war, ging, ein trüber Herbst kam und ging übergangslos in einen unfreundlichen, bitterkalten Winter über. Am 07. Dezember 1941 brach die Hölle los: Hunderte Bomber donnerten über die Stadt hinweg und wafen Brandbomben ab. Nach wenigen Minuten standen ganze Quartiere in Flammen, die Häuser im Zentrum brannte beinahe alle, und obwohl es im Häuserblock, dessen nordöstliche Ecke der Sebastianus-Hof bildete, keine Feuer gab, wehte die Luft in dieser eigentlich eisigkalten Nacht heiß in den Gastraum, wo der Wirt als einziger saß, während alle anderen Bewohner voller Todesangst in den Keller hockten.
Am nächsten Morgen wagten sich die Bürger wieder auf die Straßen und stellten fest, dass die ganz große Zerstörung noch an ihnen vorbeigegangen war. Tünn war nun ernsthaft besorgt, denn das Wirtshaus lag ja kaum zwei Kilometer entfernt von der Fabrik, in der Geschützrohre gefertigt worden. Viele der Arbeiter waren Stammgäste und wussten zu berichten, dass man auf Qualitätskontrollen inzwischen verzichte, um den Ausstoß zu erhöhen. Ihm war klar, dass dieses nicht sehr große Werk bald zu einem wichtigen Ziel für die britischen Bomber werden würde. So setzte er sich am zweiten Advent des Jahres mit Hedwig zusammen und schlug vor, die Kinder aus der Stadt zu bringen. Seine Idee war es, außer Heinrich alle Enkel nach Vlissingen zu schicken, ins Haus des treuen Olav. Seine Frau stimmte sofort zu, und Antonius Jeroen Grijpstra lief gleich am Montagmorgen ins Hauptpostamt, um dem Freund der Familie ein Telegramm zu schicken. Die Antwort traf innerhalb von Stunden ein: „Erwarte die Reisegruppe noch diese Woche. Gruss Olav“.

Erst am 5. Januar waren die Dinge so weit geregelt, dass sich Tünn mit den Zwillingen Hermann und Dorothea, Karl und Anna sowie der kleinen Emma auf den Weg machte. Eine Droschke machte die Gruppe zum Bahnhof, wo der Zug nach Aachen zur großen Überraschungen des Großvaters pünktlich einlief und eine Viertelstunde später auch wieder abfuhr. Ganz sicher war er sich nicht, ob diese Ausreise von den Behörden genehmigt worden wäre, ganz sicher war er sich auch nicht, ob er wegen seines Nachnamens Schwierigkeiten an den Grenzen bekommen würde. In jenen Tagen waren aber gerade im Dreländereck Dutzende gewiefter Schleuser am Werk, die gegen Bares oder Wertsachen Menschen aus Deutschland nach Belgien oder in die Niederlande brachten, ohne Fragen zu stellen. Es war auch nicht weiter schwer, diese Helfer auszumachen, von denen an diesem grauen Nachmittag vier, fünf auf dem Bahnhofsvorplatz umhergingen und sich nicht einmal besonders unverdächtig benahmen.
Tünn sprach einen jungen Mann mit Schiebermütze an und sagte dabei nur ein Wort „Heerlen?“ Der nickte und fragte zurück: „Welches Hotel?“ Der Großvater hatte keine Zimmer gebucht, kannte aber das Theaterhotel, direkt um die Ecke. So verabredete er sich mit dem Schleuser für sechs Uhr abends im Foyer. Das kleine Hotel stand beinahe leer, und der Concierge war sehr darüber erfreut, dass Herr Grijpstra und Enkel auf der Durchreise zwei Zimmer mit Verbindungstür buchte.
Tatsächlich erschien der junge Mann beinahe pünktlich. Man vereinbarte Ort und Zeit und den fälligen Betrag. Die Hälfte der 4600 Reichsmark nahm der Dienstleister gleich in Empfang.

Am Abend des Dreikönigstags des Jahres 1942 ließen sich Antonius und die fünf Kinder mit dem Taxi nach Richterich bringen, wo sie der Schleuser, der sich als Jean vorstellte, sie gegen 21 Uhr in Empfang nahm. Tünn hatte gar kein Gepäch dabei, die Kinder waren alle mit Rücksäcken ausgestattet, in den ihre persönlichen Dinge steckten, denn für Kleidung und dergleichen würde Olav in Vlissingen schon sorgen. So machte sich die Gruppe bei bitterkaltem Schneeregen auf den Weg durch den Onsbacher Wald, wo sie die Grenze zum Königreich Niederlande überschritt. Am Ortsrand von Bochholtz wartete ein Wagen. Tünn übergab Jean das zweite Bündel Banknoten und bedankte sich. Gegen Mitternacht trafen sie an einem Gasthaus in Heerlen, das bereits im Dunklen lag. Der Fahrer klopfte an eine Scheibe, eine alte Frau öffnete und zeigten den Deutschen ihre Schlafstelle. Niemand sprach mit Tünn, alle wussten Bescheid, und am Morgen lag nur ein Zettel auf dem Tisch im Gastraum, auf dem eine Skizze den Weg zum Bahnhof wies.

Von Heerlen nach Eindhoven brauchte der Bummelzug zweieinhalb Stunden. Dort hatten sie eine Stunde Aufenthalt. Nach einer knappen Stunde waren sie in Tilburg, wo sie mit Müh und Not den Zug nach Rosendaal erreichten. Dort trafen sie gegen Mittag ein, und Tünn beschloss, lieber in Ruhe mit den Kindern zum Essen zu gehen als gleich die letzte Etappe in Angriff zu nehmen. Als sie ein freundliches Restaurant an der Brugstraat betrachten, sprach Antonius zum ersten Mal seit über fünfzig Jahren Niederländisch und war überrascht, wie leicht ihm das von der Zunge ging. Und wie sie da zu sechst am Ecktisch unter dem Fenster mit den bunten Scheiben saßen und die Platten mit der Kapucijnertafel vor ihnen dampften, dieses reichhaltige, schwere Winteressen, ging es ihm durch den Kopf, ob Hedwig und er trotz der Besetzung durch die Wehrmacht nicht besser auch in Vlissingen aufgehoben wären.
Um zwei ging der Zug nach Vlissingen, und nach endlosen drei Stunden, in denen sich die Dampflokomotive mit den drei Personen- und zwei Lastenwaggons durch den nassen Sturm kämpfte, kamen sie endlich an in der Stadt, aus der Tünn und Hedwig im Jahre 1890 geflohen waren.

publiziert am 22.05.12 in Völkerwanderung ¦ 950x gelesen ¦ noch kein Kommentar