Gojkos Monolog (2)

Wo war ich stehengelblieben? Ah ja, die Serben und die Rumänen. Wie schon gesagt, Widin ist eine Hafenstadt. Hier machen schon seit Jahrhunderten Schiffe Station auf ihrem Weg vom und zum Schwarzen Meer. Und wie in jeder Hafenstadt sind die Viertel in Donaunähe voller Spelunken und Bordelle. Bis in die dreißiger Jahres holten wir die Nutten von der rumänischen Seite. In der Walachei, so heißt die Region tatsächlich, waren die Bauernfamilien arm und verkauften die hübscheren unter den Töchtern gern für ziemlich kleines Geld. Da wir Bulgaren kein Rumänisch sprechen und die Rumänen kein Bulgarisch, musste man mit den Nutten auch nicht reden. Alles prima. Aber dann zogen drüben die Preise an, und irgendwann war es billiger, Frauen aus Serbien zu holen. Zumal wir orthodox Gläubigen uns ja mit der Unterdrückung der Frau ein bisschen leichter taten als die katholischen Rumänen. Dann kam der Krieg, und die Verhältnisse drehten sich erneut. Jetzt hatten wir die Deutschen am Hals, die in Widin den größten Offizierspuff auf dem Balkan eröffneten. Und weil die Rumänen Verbündete der Wehrmacht waren, holten sie sich vor allem Bulgarinnen in ihr Freudenhaus.

So wurde ab 1941 in unserem hintersten Eck Bulgariens systematisch die Ehre der bulgarischen Frau geschändet. Vermutlich war dieser Umgang der deutschen Armee mit den Frauen einer der Hauptgründe dafür, dass die Partisanen überall massiv Zulauf hatten. Das waren einfach Kerle, die ihre Schwestern oder Verlobten rächen wollten. Und in jenen Tagen entstand eine Geheimorganisation, die bis heute existiert, eine Art Fünfte Kolonne der Orthodoxen, Verteidiger der Ehre, was immer du willst. Mein Vater war einer der Gründer und er war einer der ersten, der einen deutschen Offizier massakriert hat, während der noch auf der Zwangsprostituierten lag. Mit sechzehn wurde ich aufgenommen in den Bund der orthodoxen Rächer, den SPO. Neben meiner Berufsausbildung, ich bin gelernter Ofensetzer, wurde ich nach und nach mit den Techniken des Töten vertraut gemacht.
Überall in Europa war und ist der SPO vertreten. jedenfalls überall, wo Frauen orthodoxen Glaubens zu Hurendiensten gezwungen werden. Und wir unterscheiden da nicht, ob jemand russisch-, serbisch-, bulgarisch- oder griechisch-orthodox ist. Ziel ist es, die Frauen zu befreien und an denjenigen Rache auszuüben, die sie verschleppt haben und sie als Zuhälter ausbeuten. Wie diese beiden kleinen Schweinchen in der Bar. Aber, wie du weißt, ist die Sache schiefgelaufen. Ziemlich schief.

publiziert am 29.05.12 in Völkerwanderung ¦ 942x gelesen ¦ noch kein Kommentar