Wieder Lügen

„Krieg ich noch’n Bier?“ Greiper steht auf. „Halt! Deine Olle geht.“ Also macht sich Elle auf den Weg in die Küche. Trifonov hat sich auch erhoben, macht ein paar schwerfällige Schritte auf die Terrassentür zu und sagt: „Regnet wie blöde.“ Robert fixiert aus irgendeinem Grund das gelbe Spiralkabel, das angeblich den Sprengstoffgürtel mit dem Zünder verbindet. Das freie Ende steckt in der Gesäßtasche der schmuddeligen Hose Gojkos. Es sieht nicht so aus, als ob sich etwas darin befindet. Er steht auf und weiß, dass ihn der Täter in der Spiegelung der Tür beobachtet. Tritt neben ihn, kaum einen halben Meter entfernt. Beide schauen jetzt in den dunkelgrauen Himmel über der Stadt, aus dem unaufhörlich Wasser fällt. Dann knallt Elle die Bierflasche auf den Tisch und sagt: „So.“ Der vermeintliche bulgarische Frauenrächer dreht sich um, und Greiper nutzt die Gelegenheit, zieht am gelben Kabel, das aus der Hosentasche flutscht. Er hält einen mit Isolierband umwickelten, toten Draht in der Hand. Dann überschlagen sich die Ereignisse.

Der Mann, der sich als geständiger Gojko Trifonov vorgestellt hat, bricht zusammen, fällt flach auf den Rücken, schlägt hart mit dem Schädel aufs Parkett und gibt einen röchelnden Ton von sich. Schnell ist Robert über ihm. Reißt ihm die Wetterjacke vom Bauch, dann den angeblichen Sprengstoffgürtel samt Zündschalter. Durchsucht die Tasche des grauen Kurzmantels und findet eine Brieftasche, ein dickes Schlüsselbund sowie ein Zigarrenetui samt Abschneider und Streichhölzern. Der Mann am Boden ist bewusstlos. Elle steht mit dem Rücken an die Wand gedrückt und hat die Hand vor dem Mund, wie es Frauen tun, die entsetzt sind. Der Hauptkommissar filzt die Brieftasche. Natürlich lautet der Personalausweis auf den Namen Walter Hinz, aber in einem der hinteren Fächer findet er kleine, beschriftete Pappkarten, sechs, sieben Stück. Auf jeder steht in winziger Schrift ein Name. Darunter Stichwörter. Zum Beispiel: Gojko Trifonov, Bulgare, aus Widin, Jahrgang 48, Organisation: SPO, orthodox, Frauenrächer. Oder: Federico Antonelli, Italiener, aus Brindisi, Jahrgang 41, ehemaliger Mafioso. Und dann einen Stapel Farbfotos, Abzüge in der kleinsten Größe, gut zwei Dutzend, auf allen nackte Mädchen, sehr junge Mädchen, alle nackt und viele in eindeutigen Posen. Und auf einem sieht Robert einen nackten Mann mit einer Erektion, auf dessen Bauch ein Kind sitzt und in die Kamera lacht.

Elle hat die Bierflasche genommen und trinkt sie auf einen Sitz zur Hälfte aus. Robert verbirgt die Fotos. Dann sucht er sein Handy. Findet es und ruft die Bereitschaft an. Keinen Krankenwagen. Wenn das Schwein jetzt abkratzt, dann hat es das auch verdient.

publiziert am 01.06.12 in Völkerwanderung ¦ 841x gelesen ¦ noch kein Kommentar