Der Nachbar und Krystyna

paris_tunnelDer Nachbar war komisch. Lag ich nachts im Schlafzimmer auf der Matratze, konnte ich oft hören, dass er sich in seinem Apartment bewegte. Musik spielte er nie. Gesehen habe ich ihn dann erst in diesen verrückten Tagen zwischen Ende Juli und Ende August. Ich wohnte in einer kleinen Neubaubude unweit vom Flinger Broich. Das Leben hatte sich so entwickelt, dass ich in jenem Jahr an Fortuna wenig Interesse hatte. Die bösen Hooligans, die sich in der Rockerkneipe an der Ecke trafen, machten mir Angst. Da blieb ich lieber zuhause und genoss die Sonne auf der großen Terrasse. In den warmen Sommernächte saß ich nachts gern draußen und rauchte Kräuter. Da die Dinge überhaupt schief liefen, meditierte ich zudem viel vor dem Fernseher. Sah viele Etappen der Tour live, obwohl ich mich wenig für den Radpsort interessierte. Konnte mich auch nicht für diesen rotwangigen Ossi begeistern, der von den Sprechpuppen im TV gehypt wurde. Bis der 15. Juli kam, ein Dienstag. Die berühmte Etappe nach Andora, als Jan Ullrich sie alle nass machte. Da war ich begeistert von ihm.

Später deutete sich an, dass er ohne chemisch-biologische Hilfsmittel wohl nicht in der Lage gewesen wäre, die gesamte Spitzengruppe zu deklassieren. Dann kam der Sonntag mit dem Ende der Tour de France. Der Sohn war zu Gast. Wir schauten nebenbei zu, wie das Feld gemütlich Richtung Champs Elysees radelte, und quatschten nebenbei über dies & das. Es klingelt. Ich geh zur Tür und heb den Hörer der Gegensprechanlage ab. Ja? sage ich. Hallo, antwortet eine Frauenstimme mit deutlichem Akzent, hier ist Krystyna, kannst du bitte aufmachen? Kenne keine Krystyna. Zu wem wollen Sie denn? Ich muss zu Jakob, Sachen abholen. Und wer ist Jakob? Wohnt neben dir. Okay, ich öffne also. Krystyna ist eine schlanke Blondine mit hübschem Gesicht. Danke, sagt sie, als ich an der Wohnungstür auf sie warte. Und: Er macht nicht auf. Na, sage ich, dann wird er nicht da sein. Und realisiere, dass mein Nachbar Jakob heißt und sie ihn wohl gut kennt. Kann ich warten? Okay, sage ich.
In der Rückschau kann ich gar nicht sagen, warum ich sie reingelassen habe. Ich denke, es war Neugier auf das, was sie zu erzählen hätte. Ich mache Kaffee. Der Sohn verabschiedet sich. Die Tour ist zu Ende, ich schalte den Fernseher aus. Sie ist sogar sehr schön, stelle ich fest und entwickle Phantasien. Weißt du, beginnt sie, der Jakob und ich, wir sind Partner. Ah, sage ich, Liebespaar? Nein, nein, wir sind Tänzer. Tänzer am Ballett? Nein, wir machen Spezialtanz. Kannst du uns buchen, und dann machen wir Tanz nur für dich. Oder für dich und deine Freunde. Auch mit Ficken. Es stellt sich heraus, dass die beiden quasi private Pornoshows abziehen und wohl auch beide Sex verkaufen, Jakob genau wie sie an Männer.

Und nun haben sie sich verkracht. Nach einem Streit – ich muss wohl in der Nacht nicht zuhause gewesen sein – hat er sie rausgeschmissen. Ohne ihre Sachen, ohne Schlüssel, ohne Geld. Nun will sie ihr Zeug holen. Ich kann mal hören, ob er da ist, schlage ich vor. Sie nickt. Ich lege im Schlafzimmer das Ohr an die Wand. Nichts. Plötzlich schlägt die Wohnungstür nebenan. Krystyna ist schnell draußen und hämmert daran: Jakob, mach auf! Der ist wohl gerade gekommen und reagiert nicht. Sie ist wütend. Ich geh Hilfe holen, sagt sie laut und fragt mich, ob sie dann nochmal bei mir schellen darf. Ich nicke, und sie ist weg.
In der Nacht passiert nichts mehr. Nach ein paar Wochen habe ich die Sache vergessen. Der August ist hochsommerlich, ich bin viel unterwegs und fahre mit meiner Guzzi durch die Landschaft. Such mir stille Wiesen und Buchten an Seen und Flüssen, wo ich baden kann. Dann kommt der letzte Freitag des Monats.

Es ist schon lange dunkel, ich hocke auf der Terrasse, trinke Wein und rauche einen kleinen Joint. Zehn Uhr ist durch, da höre ich auf der Straße Bewegung, denk mir aber nichts dabei. Fann schellt es. Ich schaue runter. Da steht Krystyna und winkt heftig. Ruft: Mach auf. Bei ihr stehen drei, vier Kerle, einer mächtiger als der andere. Schwere Autos stehen auf der Fahrbahn. Ein paar Meter abseits eines dieser Wohnmobile, wie sie die Nutten an der Fährstraße haben. Sie schellt wieder und wieder. Und ich drücke auf. Bleibe in der Tür stehen. Aber es ist nicht Krystyna, die die Treppen hochkommt, sondern zwei dieser Gorillas. Der dickere von denen brüllt mich an: Geh rein. Mach die Tür zu! Ich folge seinem Befehl. Dann schlagen und treten sie an die Tür vom Jakob: Komm raus, die Sau, sonst treten wir die Tür ein! Aber da rührt sich nichts.
Ich überlege, die Polizei zu verständigen. Es wird still. Ich lausche. Jemand hantiert am Schloss des Nachbarn. Da ringe ich mich durch und wähle 110. Ich schildere die Situation, und der Beamte am anderen Ende verspricht, dass jemand vorbeikommt. Er müsse mal sehen, wer gerade in der Nähe ist. In dem Moment ändert sich die Lage. Die Männer sind wieder unten, werfen sich in die Autos und hauen ab. Stille. Dann höre ich die Nachbarstür schlagen. Schaue über die Brüstung auf die Straße. Ein kleiner Pkw biegt aus der Nebenstraße und fährt in hohem Thema weg. Es wird Jakob sein, der sein Gefährt aus der Tiefgarage geholt hat, die man vom Treppenhaus aus betreten kann. Ich habe ihn danach nie wieder gehört und gesehen. Schon zum Anfang Oktober zieht ein neuer Mieter ein.

Wieder wird es Sonntag. Der Sohn ist zu Besuch. Gerade haben wir im Radio gehört, dass in der Nacht zuvor Lady Di in Paris tödlich verunglückt ist. Wir reden darüber, und ich erzähle, dass ich bei meinen vielen Paris-Aufenthalten schon Dutzende Mal durch diesen Tunnel gefahren bin – im eigenen Wagen oder im Taxi – und immer ein mulmiges Gefühl hatte. Berichte davon, dass ich die Hochzeit von Prinz Charles und Lady Diana beim Putzen im Fernsehen gesehen habe, da wär er noch ein Baby gewesen.
Die Sache vom Tag der Tour de France wiederholt sich. Es schellt. Wieder ist es Krystyna. Wieder lass ich sie rein. Sie steht auf dem Treppenabsatz. Wollte nur Danke sagen, sagt sie, für die Hilfe. Und niemand was erzählen, fügt sie hinzu. Ich verspreche es. Sie kommt einen Schritt näher und küsst mich auf den Mund. Läuft die Treppe hinab und ist weg. Auch sie habe ich nie wieder gesehen. Die vielen Geschichten, die sie mir bei unserer ersten Begegnung erzählt hatte, werde ich nie vergessen – außerdem habe ich mir damals Notizen gemacht. Es geht um Zuhälter, um Rocker, um Kampfhunde, Drogen und Gewalt.

In den folgenden vier, fünf Wochen wurde das Haus, in dem ich damals wohnte, beschattet. Immer an derselben Stelle auf der gegenüberliegenden Straßenseite standen zwei wechselnde Fahrzeuge: ein dunkelgrüner Audi oder ein roter Ford Escort. Immer saß jemand auf dem Fahrersitz, machmal eine zweite Person auf der Beifahrerseite. Ich nehme an, dass es Polizisten waren. Sicher war ich nicht, denn mindestens dreimal folgte mir genau dieses Auto unauffällig, wenn ich auf meiner Honda ins Büro fuhr. Und um den 20. September herum brach jemand in die Räume unserer Bürogemeinschaft ein. Gestohlen wurde nichts, aber in meinem Büro hatte jemand die Ablagekörbe durchwühlt…

publiziert am 31.08.12 in Stadtgeschichten ¦ 995x gelesen ¦ noch kein Kommentar