Großes Unglück

Robert bewunderte seinen großen Bruder vorbehaltlos. Bodo war aber auch schon von früher Kindheit an eine starke, selbstbewusste Person mit tiefem Familiensinn. Natürlich verteidigte er seinen kleinen Bruder, wann immer das nötig war. Und als er sechzehn war und die offizielle Erlaubnis hatte, in die Altstadtkneipen zu gehen, da nahm er bald auch den drei Jahre Jüngeren mit. Und der verliebte sich regelmäßig in die neuen Flammen des Älteren, der, wie man damals sagte, einen Schlag bei den Mädchen hatte, und die Bräute schneller wechselte als andere ihre Unterwäsche. Es gab fantastische Partys in den Kellern der Villen im Osten der Stadt, faule Sonntage in den zugehörigen Gärten mit stundenlangen Tischtennismatches, und zu Karneval 1969 durfte Robert zu einer Fete in einem riesigen Haus, das nur von Studenten bewohnt war. Gabi und Rita kümmerte sich besonders um ihn, malten ihn an und verpassten ihm eine pastellfarbene Bluse als Verkleidung. Süß sähe er aus, sagten die Frauen, während er selbst sich scheußlich fühlte. Die Eltern hatten beiden Söhnen den Besuch des Karnevalsfestes nur erlaubt, weil Bodo ihnen versicherte, es seien Erwachsene da, die aufpassten, und mit dem Alkohol, da würde er schon aufpassen.

Die Veranstaltung lief schon kurz nach Mitternacht völlig aus dem Ruder. Dutzende Leute, die von der Sache gehört hatten, aber nicht eingeladen waren, hatten sich eingeschlichen. Die komplette Musikerszene der Stadt war aufgelaufen, und bald standen die meisten Anwesenden unter dem Einfluss der einen oder anderen Droge. Gabi hatte sich für Robert verantwortlich gefühlt. Und weil sie zu der Zeit keinen Freund hatte, spielte der Kleine den Ersatz. Er tanzte sogar mit ihr. Irgendwann landete sie in einer Matratzengruft im obersten Stockwerk. Sie hatte bei irgendwem einen Joint abgestaubt, den sie nun still und friedlich raucht. Und Robert dann auch einen Zug anbot. Sie teilten sich das Ding. Dann lagen sie sich in den Armen. Dann knutschten sie heftig miteinander. Dann hatte Robert eine Erektion. Gabi führte seine Hände auf ihren Busen. Er zog ihr das Oberteil über den Kopf. Befasste sich mit den Brüsten, während sie sein Geschlechtsteil aus der Hose befreite. Dann ließ sie ihn hinein, führte ihn. THC hob ihn an und ließ ihn fliegen.
Sie lagen beieinander. Schliefen ein. Wachten auf. Unruhe im Haus. Gingen Hand in Hand die Treppe hinab. Die Musik war aus. Die Leute still. Gingen durch die Haustür auf den betonierten Vorplatz. Da standen die Menschen. Auf der Straßen Blaulicht. Drängten sich durch. Zwei Sanitäter am Boden. Da lag einer. Im Blut. Robert erkannte Bodo am blauweiß gestreiften Pullover. Die Helfer erhoben sich, und der eine zuckte mit den Schultern. Ist tot, sagte der andere. Polizei rufen rief einer. Dann wurden Zeugen gesucht. Gabi und Robert standen die ganze Zeit an derselben Stelle. Auch als der VW-Bus kam. Männer mit Zinksarg. Holten Bodo ab.

Nur noch wenige Gäste waren geblieben. Standen in Gruppen vor dem Haus und redeten leise. Es sei ein Unfall, hieß es. Was hat er auf dem Dach gewollt, fragte eine ältere Frau im Hippiegewand. Schnee fiel und deckte die Blutlache zu. Schlechter Stoff, murmelte ein Langhaariger, der an den beiden vorbei ins Haus schlich. Die Eltern schlossen den Gasthof für zwei Wochen. Erstatteten Anzeige gegen unbekannt. Die Obduktion hatte er geben, dass Bodo im Moment seines Todes auf einem Trip gewesen sein muss. In seinem Blut wurde einer ganzer Cocktail verschiedener Substanzen gefunden. Robert wusste, dass sein großer Bruder keine wirklichen Drogenerfahrungen hatte, vielleicht mal Haschisch geraucht hatte. Irgendwer musste ihm etwas gegeben haben, das seine Psyche nicht aushielt. Der einzige Zeuge, der bereit war auszusagen, gab an, Robert sei wie in Trance die Leiter zum Dachboden hoch gestiegen. Der Zeuge sei gefolgt, aber da habe Bodo schon halb aus einer Dachluke gehangen, habe sich nach darußen gezogen. Dann habe er begonnen, zu singen, in einer fremden Sprache, nein, es sei weder deutsch, noch englisch gewesen. Der Gesang sei abgebrochen, und dann hätten unten vorm Haus ein paar Frauen gekreischt.

Robert fühlte sich schuldig. Er trag Gabi nie wieder. Mit keinem von Bodos Freunden hatte er je wieder Kontakt. Robert vermisste seinen Bruder so lange er selbst am Leben war.

publiziert am 12.08.12 in Völkerwanderung ¦ 922x gelesen ¦ noch kein Kommentar