Graues Leben

Bodos Tod brachte Leid über die Familie Greiper, großes Leid. Und weder die Eltern, noch Robert und seine kleine Schwester Sabine kamen über den Schmerz hinweg, den ihnen der Unfall zugefügt hatte. Niemand gab dem kleinen Bruder die Schuld, niemand gab überhaupt jemanden die Schuld – nur Robert konnte an nichts anderes mehr denken als einen oder mehrere Schuldige zu ermitteln, zu stellen und zu bestrafen. Am schlimmsten traf es die Mutter. Anna Greiper verlor jede Freude am Leben, verstummte beinahe völlig und lehnte jede Aktivität ab. Immer tiefer zog sie sich in die Höhle ihrer Trauer zurück, und Heinrich, ihr Mann, der sie über alles liebte, wusste sich keinen Rat mehr. Einen Tag vor ihrem fünfzigsten Geburtstag verschwand sie. Niemand hatte sie gehen sehen, weder die Familienangehörigen, noch die Angestellten im Gasthof oder die Gäste.

Zwölf Tage blieb sie verschwunden. Dann schellte eines Morgens das Telefon. Man hatte Anna gefunden. In der Nähe von Eindhoven. Verdreckt, halb verhungert und völlig verwirrt. Heinrich weinte zum ersten Mal in seinem Leben vor den Kindern. Sie wollte nach Hause, schluchzte er, sie wollte dahin, wo wir glücklich waren. Tatsächlich gingen die Behörden davon aus, dass Anna Greiper versuchte hatte, zu Fuß nach Vlissingen zugelangen. Ohne Geld, ohne Ausweis, zu Fuß. Identifiziert hatte man sie anhand eines Zettels, den sie bei sich trug, auf dem die Adresse der Familie in der zeeländischen Stadt angegeben war. Der Gutachter meinte nach eingehender Untersuchung, dass die Einweisung in die Psychatrie unumgänglich sei und man sich darauf einstellen müsse, dass Anna dort nicht wieder herauskommen würde. So starb Anna Greiper geborene Bernauer 1984, zwei Jahre nach ihrem geliebten Heinrich, in der Landesklinik, die sie nach ihrem Marsch nie wieder verlassen hatte.

Kurz nach diesem Vorfall verließ Sabine ihr Elternhaus für immer. Sie war die Sportliche in der Familie, Turnerin, wettkampferprobt mit einem Hang zur Akrobatik. Dass sie sich in einen Zirkusmann verliebte und mit ihm ging, entsprach jedem Klischee, geschah aber in Wirklichkeit. Auch wenn die kleine Schwester dem Bruder regelmäßig schrieb und ihn mindestens einmal pro Woche anrief, wenn sie in Deutschland war, fehlte sie ihm fast so sehr wie der große Bruder. Robert hatte der Tod Bodos auf andere Art aus der Bahn geworfen. Er wurde zum Eigenbrötler, zum Gerechtigkeitsfanatiker, zu einem, der keinem Streit aus dem Weg ging, immer auf der Suche nach der Wahrheit. Das machte eine normale Schullaufbahn schwierig. So wechselte er zwischen der neunten und der elften Klasse viermal das Gymnasium, um dann auf Heinrichs eindeutigen Befehl hin, auf die Realschule zu wechseln, wo ihm im vergleichsweise hohen Alter von achtzehn Jahren die mittlere Reife gelang. Dass er in die mittlere Laufbahn des Polizeidienstes eintrat, war die logische Folge der Ereignisse an diesem schrecklichen Karnevalstag im Jahr 1968.

publiziert am 30.09.12 in Völkerwanderung ¦ 935x gelesen ¦ noch kein Kommentar