Alle Mann

Manchmal, sagte Elle gern, merkt man erst, dass man verarscht wurde, wenn derjenigen, der einen verarscht hat, nicht mehr in Reichweite ist. Sie ahnte an diesem Tag vermutlich nicht, wie sehr dieser Satz auf den unsympathischen Büdchenbesitzer vom Platz passte. Denn nachdem Ümit die sorgfältig zusammengefaltete Liste mit Namen und Daten übergeben hatte, beschloss der Hauptkommissar, dem angeblich erpressten Bombenschärfer Ausgang bis zum nächsten Morgen zu gewähren und eigenhändig einen weiteren Haftprüfungstermin zu beantragen. So konnte der Typ, der aus seinem illegalen Geschäft mit Waffen keinen Hehl mehr gemacht hatte, das Polizeipräsidium verlassen, die Stadt verlassen, das Land verlassen und sogar den Kontinent zu verlassen, um sich mit seinem Wohlstand in seiner ostanatolischen Heimat niederzulassen und einem komfortablen Alter entgegenzusehen. Ümit wurde nie wieder in der Stadt gesehen. Der Vermieter räumte irgendwann den Laden und machte das Inventar zu Geld. Im Lagerraum, den sich der hemalige Mieter mit dem albanischen Nachbarn geteilt hatte, fand man leer Holzkisten, meist mit Ölpapier ausgeschlagen und teilweise mit speziellen Schutzdecken vollgestopft. Ein paar Pappschachteln Munition klaubten dann die Beamten, die den Status aufzunehmen hatten, aus den Rattenlöchern.

Hauptkommissar Robert Greiper stand vor einem Scherbenhaufen. Der vermeintliche Auftraggeber der Mordserie und eigenhändige Aufsteller der Bombe an der Bar war untergetaucht, sein williger Helfershelfer geflohen. Der Tathergang war astrein dokumnetiert, was dem Voyeurismus eines alten Perverslings geschuldet war, der im Sterben lieg. Einem geständiger Mittäter hatten die Psycho-Fuzzis umfassende Unzurechnungsfähigkeit bescheinigt, und die Motive lagen im Dunklen. Außerdem hatte ihm Ümit eine Liste übergeben, die aus lauter Phantasienamen mit Phantasieadressen und ausgedachten Telefonnummern bestand wie die langwierige Analyse, die er HH aufs Auge gedrückt hatte, ergab. Das einzig Gute an der verkorksten Situation war, dass auch die Arbeit des Strebers im Team ergebnislos geblieben war. Er würde also mit seiner neuen Vorgesetzten reden müssen und vorschlagen, den Fall zu den Akten zu geben, da alle Verdächtigen entfleucht und alle Tatzeugen durchgeknallt, halbtot oder in Amerika seien.

Und genau in dieser Situation lief er auf dem Weg ins Präsidium dem Anführer der Burschenbande buchstäblich in die Arme. Ocho, der schmale, schöne Kerl, hielt ihn mit beiden Armen auf Abstand und sagte atemlos: „Wir wollen mit dir reden, Bulle.“ Greiper löste sich: „Sag nicht Bulle, du Würstchen.“ – „OKay, Greiper. Wir haben beschlossen, bei der – wie heißt das? – Ermittlung zu helfen. Ihr Bullen könnt den Mord an Mohammed besser rächen als wir.“ Ocho trug eine hellen Staubmantel, wie ihn die Revolverhelden im Wilden Westen beim Reiten anhatten, und dazu passende Cowboystiefel aus Schlangelederimittat. „Du sollst nicht Bullen sagen, verdammt! Und jetzt folgst du mir unauffällig. Und wenn ich unauffällig sage, dann meine ich das auch so. Du gehst dich umziehen, und in spätestens einer halben Stunde klingelst du bei mir. Name und Adresse kennst du. Wenn du welche von der Bande mitbringen willst, dann höchstens zwei.“ Der junge Mann starrte den Hauptkommissar ein paar Sekunden mit einem Hauch Bewunderung an und sagte dann: „Ich komme allein.“

publiziert am 28.10.12 in Völkerwanderung ¦ 1017x gelesen ¦ noch kein Kommentar