Arm dran – Teil 6

Über Tag hatte ein starker Westwind den feuchten Nebel verscheucht, die Wolken waren mit nach Osten geflogen, und ein blauer Himmel spannte sich über die Stadt. Die Sonne stand schon dicht über dem Horizont, und es war viel zu mild für die Jahreszeit. Greiper hatte sich natürlich an die Wetterextreme an seinem Heimatort gewöhnt, dass es gerade im September und Oktober Tage gab, an denen es schon nasskalt war, an die Böen abwechselnd kalte und milde Luft in die Straßen bliesen, und dann wieder welche, die nach Sommer rochen, wolkenloser Himmel, mal kalt und klar, mal übermäßig warm, dann die schwülen Tage im Frühherbst oder die verspäteten Sommertage am Ende des Oktobers. Er hatte das Präsidium fluchtartig verlassen und überlegte, wie er seinen Frust über die sinnlosen Verhöre im Megastore verdauen könnte, um sich anschließend auf seine Gedankenarbeit zu konzentrieren. Er löste das Problem auf bewährte Art, besorgte sich beim letzten überlebenden Metzger im Viertel zwei fette Mettbrötchen und setzte sich zuhause auf die Terrasse; das Bier zum Imbiss sparte er sich für später auf und trank bloß Wasser dazu.

Dass die bisher gefundenen Teile, zwei Ohrmuscheln, ein Fuß und eine Hand, vom selben Körper stammten, war ziemlich wahrscheinlich. Hier war also ein Mensch zerlegt worden, der vermutlich, das musste er aber von den Forensikern absichern lassen, vorher schon tot war. Es galt nun, den Toten zu identifizieren und den Rest des Leichnams zu finden. Dazu wäre es auch nötig, den ungefähren Todeszeitpunkt zu kennen. Er rief im gerichtsmedizinischen Labor an und bekam denselben Kollegen an die Strippe, mit dem er schon die gefundenen Ohren durchdiskutiert hatte: „Haben Sie jetzt auch den Fuß und die Hand? Gut. Schon untersucht? Auch gut. Stammen alle vom selben Opfer? Hab ich mir schon gedacht. War das Opfer beim Zerlegen schon tot?“ Sein Gegenüber verirrte sich in langen theoretischen Ergüssen, und der Hauptkommissar nahm einen herzhaften Bissen vom Mettbrötchen. Nach dem er ausreichend gekaut und alles runtergeschluckt hatte, war auch der Forensiker am anderen Ende fertig. „Okay, der Zustand der Schnittflächen lässt also den Schluss zu: Der war schon tot bevor er tranchiert wurde. Gut. Können Sie was zum Zeitpunkt des Ablebens sagen?“ Und wieder ergoss sich ein Schwall Erklärungen in die Sprechmuschel des Labors. Greiper hatte Zeit, seinen Imbiss vollständig zu verzehren bevor er wieder zu Wort kam. „Oha, das ist aber eine lange Zeitspanne. Ja, hab ich verstanden, dass die Vakuumverpackung das schwer einschätzbar macht. Aber Sie würden sagen, dass der Mann…, es ist doch ein Mann? Ach ja, hatten Sie schon gesagt… Dass der Tote also vor höchstens fünf Tagen über die Wupper gegangen ist. Maximal sechs Tage? Okay, also ist er zwischen vergangenem Mittwoch und diesem Dienstag ermordet worden. Sie haben mir sehr geholfen.“

Wider Erwarten hielten sich alle Redakteure, die der PR-Berater Schreiner zum AMEK-Megastore geladen hatte, an die Absprache. Keine Zeile zu den Funden in den Möbelhäusern fand sich am Samstag in der Lokalpresse. Vielleicht lag es aber auch nur daran, dass die Journalistenmeute nach diversen Interviews mit den Köchen von Schreiner in die Kantine gelotst worden waren, wo man ihnen auf Anweisung des Marktleiters das Menü servierte, das eigentlich für die VIP-Gäste vorgesehen war, die angesichts der Umstände aber ausgeblieben waren. Im Kreise der Harten Hände und ihres Trosses verputzten die Medienvertreter also Lachs und Reh, tranken feine Weine und verschmähten auch den einen oder anderen Digestiv nicht. Kein Wunder, dass bis auf einen alle von ihnen den Redaktionsschluss für die Samstagsausgabe verpassten.

publiziert am 04.11.12 in Einzelteile ¦ 1009x gelesen ¦ noch kein Kommentar