Arm dran – Teil 11

Das Wochenende des Hauptkommissars Greiper hatte sich unerwartet erfreulich entwickelt. Der belgische Antikmarkt entpuppte sich als Reihe von netten Läden, die sich an zwei Straßen beiderseits eines Kanals entlang zogen. Das Wetter war freundlich, und eine überschaubare Menge an fachkundigen Besuchern flanierte über das Kopfsteinpflaster. Man stand vor den Schaufenstern oder den auf dem Gehsteig präsentierten Möbeln, diskutierte leise und betrat dann das Geschäft. An den Häuserecken gab es gemütliche Cafés, einladende Restaurants und urige Kneipen. Und anstelle der schrecklichen Möbel aus dunkelstem Holz mit sinnlosesten Verzierungen bot sich Robert eine breit gefächerte Auswahl an Einrichtungsgegenständen aus allen Epochen, in denen ehrbare Handwerker mit Respekt vor dem Material und intuitivem Geschmack ihre Werke erzeugt hatten.

Nachdem sie die eine Seite des Kanals inspiziert hatten, kehrten sie im ab-schließenden Café ein, tranken Kaffee und aßen echte belgische Waffeln mit heißen Himbeeren und Sahne. Robert hatte das Gefühl, das gemeinsame Leben mit Elle könnte wunderbar und harmonisch werden. „Und, hat dir ein Stück besonders gut gefallen?“ fragte Elle. Er zögerte. „Ja, dieses riesige Sofa mit dem bunten Bezug.“ „Ah, ja, du meinst das mit den floralen Motiven?“ – „Wenn du das sagst, wird’s schon stimmen.“ – „Dann sollten wir nach dem Preis fragen und es kaufen.“ Eine halbe Stunde später wurden sie sich mit dem Anbieter handelseinig. Sie leisteten eine Anzahlung und vereinbarten die Anlieferung für Anfang Dezember. Später fanden sie noch eine Anrichte aus Kirschholz, die unbestimmt nach Jugendstil aussah, und Roberts Laune war so gut geworden, dass er ständig blöde Witze machte und Elle anbot, sie nach der Heimkehr zum Essen einzuladen. Sie nahm an und beschloss, den Rest des Abends so zu tun, als habe sie diesen Kerl soeben erst kennen gelernt, und dies sei die erste Einladung zum Dinner. Er ging auf das Spiel ein, führte sie in eines der beiden Sternerestaurants der Stadt und gab durchgehend den Kavalier. Auch die Nacht war für die beiden Turteltauben äußerst angenehm.

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Siegbert Schaidler war berühmt dafür, die Motivation seiner Mitarbeiter durch das Zuteilen und Entziehen von Privilegien zu steuern. Das führte zu einigermaßen niedrigen Gehältern und sparte Zuschläge und Erfolgsprämien. So hatte er abgetrennte Räume in den Märkten einrichten lassen, wo die Abteilungsleiter gemeinsam speisten und dabei bedient wurden. Für jeden AMEKler war es ein erstrebenswertes Ziel, in diese Leitungskantine zu kommen. Von der Schaidler’schen Dienstwagenpolitik profitierten dagegen schon die kleineren Angestellten. Denn wer mindestens vier Leute unter sich hatte, der bekam ein Firmenauto. Die Liste begann beim Smart, natürlich in den Unternehmensfarben lackiert und mit dem AMEK-Logo versehen, ging entsprechend der Hierarchie über Klein- und Mittelklassenwagen und endete beim Luxusauto nach Wahl für Topmanager. Zu denen zählten auch die Leiter der Filialen. Vor allem aber wurde jeder Führungskraft ein persönlicher Parkplatz am jeweiligen Markt zugeteilt – je höher derjenigen stand, desto näher lag der Platz am Eingang zum Bürotrakt.

So lenkte der Leiter einer AMEK-Filiale im nordöstlichen Ruhrgebiet seinen dunkelblauen A6 Avant im Morgendämmer auf die Parkfläche und steuerte seinen persönlichen Platz an. Er fand ihn durch eine längliche Holzkiste versperrt. Der Mann stieg aus und versuchte, das Hindernis beiseite zu schieben. Durch die Bewegung löste sich der Deckel und fiel zu Boden. Im Inneren fand der Marktleiter einen menschlichen Arm, wenn auch ohne Hand, verpackt in Holzwolle und im Zustand der beginnenden Verwesung.

publiziert am 20.06.13 in Einzelteile ¦ 632x gelesen ¦ noch kein Kommentar