Stein und Bein – Teil 1

Schon in der Nacht von Sonntag auf Montag nahm professioneller Stolz Besitz vom PR-Berater Schreiner. Er hatte die Webseiten der wichtigsten Tageszeitungen durchstöbert und dann auch noch per Google-News nach Neuigkeiten über AMEK suchen lassen. Er fand keine Meldung, die aktueller war als die Nachricht von der bevorstehenden Eröffnung des ersten deutschen Megastores des Unternehmens. Und die stammte vom vergangenen Mittwoch. Nachdem er sich am frühen Morgen auch noch die gedruckten Montagsausgaben besorgt und durchforstet hatte, wusste er, dass seine Rechnung aufgegangen war. Kein einziges der lokalen, regionalen, und schon gar keins der überregionalen Blätter berichtete über Leichenfunden in den Filialen seines Klienten. Da saß der Kommunikationsberater in seinem etwas chaotischen Appartement, freute sich und hatte das Gefühl, er habe gerade eine der wenigen historischen Großtaten seines Berufsstandes vollbracht. Dass nämlich durch geschickte Medienarbeit eine tendenziell imageschädigende Situation der Öffentlichkeit entzogen worden war; zumindest vorerst.

Er konnte sich lebhaft vorstellen, wie die Journalisten am Freitag nach dem Termin im Megastore, nach den Verhören der Augenzeugen und den Stellungnahmen des Marktleiters in den Verlag geeilt und dort schnurstracks ins Büro des Chefredakteurs getrabt waren, um von der Sensation zu erzählen. Wie der jeweilige Chefredakteur den Kopf gewiegt und schließlich auf das Anzeigenvolumen der Firma AMEK angespielt hätte, um dann in eine Grundsatzrede über journalistische Verantwortung auszubrechen, die in einem Hinweis auf die Hand, die einen füttert, zu enden.

Nein, ihm taten die Schreiberlinge nicht leid, die betrübt ins Großraumbüro gewankt waren nach dem Gespräch, frustriert und an der eigenen Berufswahl zweifelnd, wie sie sich nach Unabhängigkeit sehnten und einen kurzen Augenblick mit dem Gedanken gespielt hatten, einem Kollegen bei der Nachrichtenagentur die Sache heimlich zu stecken, wodurch ihnen aber der investigative Ruhm entgehen würde und die Heldentat so jemandem anderem zugeschrieben würden. Aber ebenso fragte sich Frank Schreiner, der seine Frisur heute mit einer ordentlichen Handvoll Haargel gebändigt hatte, ob ihm irgendein AMEK-Vertreter sein beherztes und erfolgreiches Eingreifen je danken würde, Er kam zu dem Schluss, dass dem nicht so sein würde, und erwog, selbst eine anonyme Mail an die führenden Nachrichtenagenturen abzusetzen. Vielleicht würde eine Tickermeldung zu den Leichenfunden einen der AMEK-Manager wach rütteln, sodass er, der PR-Berater, als Krisenberater zum Zuge käme.

Das roch ihm zu sehr nach Rache, das wäre unprofessionell und nicht der Mühe wert. Statt dessen, beschloss Schreiner, würde er seine Diffamierungskampagne gegen den Rechtsberater der Firma, dieses arrogante Arschloch Felsheimer, fortsetzen und in seinem Weblog einen weiteren Artikel veröffentlichen, der sich mit dessen unklarer sexueller Orientierung auseinandersetzte. Er würde seine Berufskleidung gegen das Kostüm des roten Ritters, so sein in der Bloggerszene bekannter Nickname, tauschen wie Ken Clark den Business-Anzug gegen die Superman-Kluft.

publiziert am 20.06.13 in Einzelteile ¦ 14076x gelesen ¦ noch kein Kommentar