Stein und Bein – Teil 2

Über eine auf drei Jahre befristete Dreiviertelstelle war die Ernährungsexpertin Dr. Elke Hülchenrath auch sechs Jahre nach ihrer erfolgreichen Promotion nicht hinausgekommen. Sie hatte oft mit Robert darüber diskutiert, woran das lag und was sie dagegen tun konnte. Vielleicht war es genau die Art, wie er in solchen Gesprächen reagierte, die sie beide so nahe zueinander gebracht hatte, dass sie sich für eine gemeinsame Zukunft bereit fühlten. Nie hatte er ihr praktische Ratschläge erteilt, immer hatte er sehr genau zugehört, kluge Nachfragen gestellt und sie dann in ihren Grundsätzen bestärkt. Einer der Grundsätze, denen sie seit dem Beginn des Studiums anhing und den sie auch in ihrer Doktorarbeit vertreten hatte, war, dass weite Bereiche der Ernährungslehre mangels belastbarer Empirie aus nicht mehr bestanden als einer kruden Sammlung von Merksätzen, die irgendwie einleuchtend klangen.
Dass man soundso viel Prozent Kohlehydrate aus Getreide zu sich nehmen sollte und nicht mehr als soundso viel Prozent tierisches Eiweiß, schien ihr in etwa so fundiert wie Großmutters Gesetz, dass Spinat nicht aufgewärmt werden dürfe. Nun tun sich Fundamentalkritiker der eigenen Zunft in allen Berufen schwer, und Elle war froh, dass sich bei der Ernährungsberatung des örtlichen Vereins der freien Kindergärten niemand für ihre Doktorarbeit interessiert und man sie überhaupt nur nach Sympathie eingestellt hatte. So konnte sie im Job das Gelernte abspulen, ohne sich in Konflikte zu verwickeln, die ihrer Meinung nach den Aufwand nicht lohnten.

Immer wieder hatte Robert gefragt, ob sie denn ganz allein stünde mit ihren Bedenken, und sie hatte geantwortet, dass es wohl zwei, drei Autoren gäbe, die den Bereich der Ernährungslehre ähnlich beurteilten wie sie. Ob sie nicht auch versuchen wolle, ein provokantes Buch zum Thema zu schreiben. Und so hatte sie ein Exposé verfasst und bei mehreren einschlägigen Verlagen eingereicht. Der in der Szene unbedeutendste hatte zugesagt, allerdings einigermaßen deprimierende Konditionen in den Vertrag geschrieben. Vermutlich glaubten die Verantwortlichen nicht, dass ein Buch mit dem Titel „Dick und dünn“, das im Grunde die These vertrat, man solle essen, was einem schmeckt und davon so viel wie man will, ein Erfolg werden könnte.

Elle hatte sich aber vor einem halben Jahr mit Eifer in die Arbeit gestürzt und war heilfroh, dass ihr der Broterwerb genug Zeit ließ, das Manuskript wachsen zu lassen. Immerhin hatte der Verlag den Abgabetermin erst für den Frühsommer des folgenden Jahres angesetzt, und bis dahin würde sie es trotz des Umzugs sicher schaffen, den Text fertigzustellen. Dieser Montag war einer der Tage, den sie voll und ganz der Schreibarbeit widmete. Sie hatte sich mit Robert darüber verständigt, dass es jede Woche wenigstens einen Tag geben sollte, an dem er sie in Ruhe ließ, und er hatte das vernünftig gefunden und zugestimmt.

***

„Guten Morgen. Wir sollten uns doch immer bewusst sein, wie privilegiert unsere Lage im Dezernat für Tötungsdelikte ist“, eröffnete Schimmel das Dienstgespräch mit Hauptkommissar Greiper, das er für neun Uhr im ganz großen Konferenzraum angesetzt hatte. „Was soll das werden?“ fragte Robert sofort, „Das Wort zum Montag? Oder die Ankündigung von Massenentlassungen?“ – „Lassen Sie mich bitte zunächst meinen Gedanken ausführen“, fuhr der Kriminaloberrat fort, „Die Kriminalstatistik besagt, dass es in unserem Zuständigkeitsbereich im vergangenen Jahr insgesamt dreizehn Fälle gab, sieben davon lösten Ermittlungen aus, der Rest konnte nach der Feststellung der Todesursache an andere Dezernate weitergeleitet werden.“ – „Ich kenn die Statistik, Schimmel“, maulte Greiper, „Worum geht’s?“ – „Bei den genannten sieben Fällen handelte es sich dreimal um Körperverletzung mit Todesfolge, wobei die Täter jeweils noch am Tatort verhaftet werden konnten, einen etwas ungewöhnlichen Selbstmord und drei waschechte Morde. In diesem Jahr gab es per Ende September genau zwei Fälle, in denen mehr zu ermitteln war als Todesursache und -zeitpunkt. Das bedeutet, dass sie, lieber Kollege Greiper, als einziger fester Mitarbeiter des Dezernats für Tötungsdelikte ungefähr alle drei bis vier Monate etwas zu tun haben.“

Greiper ahnte, worauf sein Vorgesetzter hinaus wollte: „Ich soll also an die Zocker ausgeliehen werden, richtig?“ Vor Jahren hatte ihm Schimmel schon einmal eine ähnliche Rechnung aufgemacht, diese an die Amtsleitung weitergegeben, und Robert Greiper musste in der Folge neun Monate beim Dezernat für illegale Wett- und Glücksspiele aushelfen, weil ein südosteuropäisches Kartell seinerzeit die Stadt mit Roulettetischen in den Hinterzimmern beglückte und die Kollegen vor lauter Razzien nicht mehr wussten, wo ihnen der Kopf stand. „Nein, Greiper, dieses Mal sind es die Kollegen von der Wirtschaftskriminalität, die Verstärkung brauchen. Sie sollen denen vom Präsidium aus den Rücken freihalten…“ – „Innendienst? Telefonbereitschaft? Ich glaub, es hackt! Jetzt will ich Ihnen mal was sagen. Ich feiere nächstes Jahr fünfundzwanzigstes Dienstjubiläum. Achtzehn Jahre davon habe ich in der Mordkommission verbracht. In dieser Zeit habe ich nur in einem einzigen Fall den Täter nicht erwischt – das war damals, als der Kö-Millionär verschwand. Und dass ich den Killer nicht gekriegt hab, lag nur daran, dass interessierte Kreise die Ermittlungen nach allen Regeln der Kunst behindert haben. Momentan stecke ich in einer wirklich komplizierten Sache, da muss ich mich konzentrieren und sollte nicht irgendeinen Bürostuhl vollfurzen, damit die klugen Kerlchen ein bisschen Steuerflüchtlinge jagen können.“

Der Kriminaloberrat seufzte: „Mein lieber alter Freund, wenn ich so sagen darf, mir sind da die Hände gebunden. Man hat es höheren Orts entschieden. Ab kommenden Montag haben sie Anwesenheitspflicht. Der zuständige Dezernatsleiter wird Sie über Ihre konkreten Aufgaben informieren.“ – „Und was wird aus der AMEK-Sache?“ – „Das erledigen Sie nebenbei. Der Fall hat, solange die Medien stillhalten, keine hohe Priorität.“ Schimmel hatte sich hingesetzt. „Eins noch, Greiper, kommen Sie nicht auf die Idee, sich krank zu melden. Das könnte weitreichende Folgen haben.“

publiziert am 01.07.13 in Einzelteile ¦ 847x gelesen ¦ noch kein Kommentar