Haut und Knochen – Teil 4

Wider Erwarten hielten sich alle Redakteure, die der PR-Berater Schreiner zum AMEK-Megastore geladen hatte, an die Absprache. Keine Zeile zu den Funden in den Möbelhäusern fand sich am Samstag in der Lokalpresse. Vielleicht lag es aber auch nur daran, dass die Journalistenmeute nach diversen Interviews mit den Köchen von Schreiner in die Kantine gelotst worden waren, wo man ihnen auf Anweisung des Marktleiters das Menü servierte, das eigentlich für die VIP-Gäste vorgesehen war, die angesichts der Umstände aber ausgeblieben waren. Im Kreise der Harten Hände und ihres Trosses verputzten die Medienvertreter also Lachs und Reh, tranken feine Weine und verschmähten auch den einen oder anderen Digestiv nicht. Kein Wunder, dass bis auf einen alle von ihnen den Redaktionsschluss für die Samstagsausgabe verpassten.

Lediglich der aufstrebende Meissler hatte sich rechtzeitig verdrückt, war zu Fuß in den Ort gegangen und hatte sogar ein Taxi erwischt, das ihn zurück in die Stadt und dort in die Redaktion gebracht hatte. Natürlich war er sofort ins Büro des Chefredakteurs gestürmt und hatte diesen von den Vorgängen in Bracht unterrichtet; nicht ohne darauf hinzuweisen, dass ihr Blatt quasi exklusiv berichten könne, denn ob die Kollegen den Redaktionsschluss noch erreichen würden, das sei ungewiss. Daraufhin hatte sein Vorgesetzter, der gleichzeitig sein Mentor war, ihn lange angesehen, schließlich die Brille abgenommen und mit einem Seufzer gesagt: „Ach, Meissler, Sie müssen noch viel lernen. Ist Ihnen bewusst, dass die Firma AMEK, gerechnet nach Honoraraufkommen, unser drittgrößer Anzeigenkunde ist? Ist Ihnen klar, dass das Unternehmen so für rund gerechnet ein Fünftel Ihres Gehalts steht? Vielleicht sind Sie nicht darüber informiert, dass der morgigen Ausgabe ein achtseitiger Farbprospekt des Megastores beiliegt, für den der Verlag einen recht hohen sechsstelligen Betrag einnimmt. Nun stellen Sie sich doch einfach einmal in die Schuhe des verantwortlichen Marketingdirektors bei AMEK – übrigens ein sehr netter Mensch, mit dem ich schon den einen oder anderen Golfball geschlagen habe. Was würden Sie von einer Zeitung halten, deren Redakteure unverantwortlich genug sind“, dabei hob er die Stimme, „aus lauter Sensationsgier einen der wichtigsten Kunden ins Gerede zu bringen, so dessen Image zu beschädigen und damit negativ Einfluss auf den Geschäftserfolg zu nehmen?“ Meissler galt nicht zu Unrecht als ziemlich schlau. Er verstand. Er nickte und war innerlich doch sehr enttäuscht, dass ihm diese fulminante Story entgehen würde. „Sehen Sie, mein lieber junger Freund, am Montag werden die anderen die Sache auch im Blatt haben. Da sind wir dann nur eine Zeitung von vielen. Wenn uns die AMEK dann Vorwürfe machen würde, könnten wir immer noch sagen, es sei Chronistenpflicht gewesen, auch zu berichten. Außerdem, „der Chefredakteur hatte seine schwere Brille wieder aufgesetzt, „fände ich es auch in Ihrem Sinne viel besser, wir könnten in der Montagsausgabe nicht nur das Sensatiönchen präsentieren, sondern auch die Hintergründe beleuchten. Was meinen Sie, so ein Exklusivinterview mit dem AMEK-Boss wäre doch was für Sie, oder? Hier haben Sie die Nummer des Marketingchefs. Rufen Sie Ihn an, grüßen Sie Ihn schön von mir, erklären Sie unsere Situation und dann bitten Sie um einen Termin mit Siegbert Schaidler.“ Meissler gefiel die Idee. Er nahm den Zettel mit der Telefonnummer entgegen und eilte an seinen Tisch im Newsroom, in dem siebzehn von zwanzig Plätzen am diesem späten Freitagnachmittag schon verwaist waren. Ja, dachte er, ein Exklusivinterview mit dem medienscheuen Schaidler, das wäre was.

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Angesichts des milden Wetters hatten Elle und ihr Begleiter sich für eines der Promenadencafés entschieden. Sie hatten beide Milchkaffe bestellt und saßen vor den dampfenden Tassen, ohne so recht zu wissen, worüber sie reden sollten. „Zimmermann bist du?“ begann Elle, „So richtig am Bau?“ Phil nahm einen Schluck, lächelte und sagte dann: „Ja, so richtig. Aber eigentlich arbeite ich selten am Bau. Hab mich auf das Innere spezialisiert. Internist, so zu sagen.“ – „Aber Zimmermänner bauen doch Dächer und ganze Häuser.“ – „Hab nicht nur Zimmermann gelernt, sondern auch Möbeltischler. War immer schon in Holz vernarrt.“ Ganz schön kantiges Kinn hat der, dachte Elle. Und eine ziemlich wirre Frisur, als ob er gerade erst aus dem Bett gekommen wäre. Phil kratzte mit dem Daumen seine stoppelige Oberlippe: „Könnte jetzt ne Geschichte erfinden, von nem Opa, der mich drauf gebracht hat. Oder dass ich als Kind immer im Wald gespielt und dauernd was geschnitzt hätte. War aber nicht so.“ Er beobachtete sie erwartungsvoll und hoffte auf ihre Nachfrage. Elle lächelte gleichbleibend und schwieg. Komische Haarfarbe, dachte sie, wie ein Rauhaardackel. Und die Augen, hellgrau wie das Licht an einem diesigen Herbstmorgen.

publiziert am 09.01.14 in Einzelteile ¦ 476x gelesen ¦ noch kein Kommentar