Haut und Knochen – Teil 5

Eigentlich gab’s keinen speziellen Grund. Hab die Schule in der Elften ge-schmissen und wollte unbedingt eine Lehre machen. Ein guter Freund lernte Zimmermann, und da dachte ich, schön. Wo ich doch immer einen Faible für Holz hatte.“ Er lachte ein wenig unmotiviert und trank noch einen Schluck. „Ich mag Holz als Material auch sehr“, sagte Elle und strich sich eine imaginäre Strähne hinters Ohr. „Besonders bei Möbeln. Ich finde immer, dass es ein Frevel ist, schön gemasertes Holz zu lackieren.“ Phil nickte zustimmend. „Meine Güte, was habe ich schon Schränke abgebeizt. Es müssen Dutzende gewesen sein. Ich war in meinem Freundeskreis schon richtig verschrien dafür. Hey, du stinkst nach Beize, sagte meine beste Freundin immer, neue Antiquität im Haus?“ – „Du bist also auch handwerklich begabt?“ versuchte Phil die Konversation in eine andere Richtung zu lenken. „Nicht wirklich. Eher so die Frau fürs Grobe. Schon mal ne Mauer umnieten oder ‘nen Fußboden rausreißen…“ – „Und was machst du sonst so außer Abbeizen und Steineklopfen?“ Diese Frage hatte Elle gefürchtet. Immer wenn ein Mann eine Frau fragt, was sie denn so macht, bereitet er damit nur einen Sermon über seinen Job und vor allem den Erfolg darin vor. „Ernährungsberatung. Auf hohem Niveau…“ Sie lachte verlegen und nippte am Milchschaum. „Ich kann nicht kochen“, sagte Phil mit einem Grinsen, „aber prima essen.“

Sie grinste zurück. Der Kerl gefiel ihr. Er gefiel ihr sogar sehr. Nur nichts anmerken lassen, dachte sie. Aber da hatte er auch schon ihren Unterarm berührt, den sie auf dem Tisch abgelegt hatte. „Apropos Essen: Wo nehmen wir das gemeinsame Abendessen?“ – „Keine Ahnung, mit wem du dein gemeinsames Abendessen einnimmst. Ich für meinen Teil werde es gemeinsam mit dem Typ einnehmen, mit dem ich in knapp sechs Wochen gemeinsam den Kahn beziehen werde.“ Er lehnte sich im Stuhl zurück und gab ein schallendes Lachen von sich, das die Blicke der anderen Gäste anzog. „Du bist klasse, Lady. Echt klasse. Besser hättest du nicht kontern können. Geht in Ordnung. Prima. War ja auch nur ein Versuch.“ Ihr kam das nicht wie ein Rückzug vor. Eher wie ein Aufschub. Und in diesem Moment wusste sie, dass sie diesen Phil noch öfters sehen würde. Ja, dass sie ganz sicher einmal ein gemeinsames Abendessen mit ihm einnehmen würde.

***

Hauptkommissar Greiper sah sich genötigt, noch intensiver über das Verpacken von Lebensmitteln in vakuumversiegelten Plastikbeuteln nachzudenken. Er hatte vor Jahren auf einem Verkaufskanal im Fernsehen so ein Gerät gesehen, das man Hausfrauen aufschwatzen wollte. Der Moderator hatte sich begeistert dafür, dass man mit dem Vaccumate fast alles frisch halten könnte, ohne es einfrieren zu müssen. Dann hatte er riesige Fleischbrocken eingeschweißt, später geputztes Gemüse und dann ganze Mahlzeiten. Als er schließlich auch Socken und Unterhosen vakuumierte, hatte Greiper einen appetitlicheren Kanal angesteuert. Das Prinzip war ihm klar. Man stopft das frisch zu haltende Gut in eine Tüte. Dann legt man die in das Gerät ein und drückt eine Taste. Die eingebaute Pumpe saugt die enthaltene Luft heraus, und am Ende wird die Nahtschnittstelle über einen Heizdraht zugeschweißt. So weit er sich erinnerte, musste man keine speziellen Beutel nehmen, sie mussten nur dicht genug sein. Natürlich würde das Vakuum dafür sorgen, dass die in der Luft enthaltenen Bakterien nicht am Eingeschweißten ihr Unwesen treiben könnten. Vermutlich würde so auch die Luftfeuchtigkeit ferngehalten. Wenn die Leichenteile also ganz frisch nach dem Abtrennen verpackt werden, dann müssten sie sich beim Öffnen genau in dem Zustand wie beim Vakuumisieren befinden. Er griff das Telefon und rief erneut in der Forensik an.

Dieses Mal war Ulf, das Faktotum der Abteilung, am Apparat, ein spitzgesichtiger Mann unbestimmten Alters, den sie alle nur die Laborratte nannten. „Ulf, du altes Nagetier, wie schön, dich zu sprechen. Sag mal, von den Akademikern ist keiner mehr da? Ja, hab ich mir gedacht. Du hast doch die Sache mit den Vakuumbeuteln mitgekriegt? Fein. Weißt du, wo die sind? Schön. Dann tu mir doch den Gefallen, den Satz Ohren zu holen, der am Mittwoch eingeliefert wurde. Prima. Rufst du mich dann zurück? Okay, bis gleich.“ Vielleicht könnte man anhand des Tempos des Verfalls genauer feststellen, wann der Spender der Teile wirklich zu Tode gekommen war.
Aber das war nur die eine Baustelle, an der Greiper gleichzeitig werkelte. Eine andere Frage beschäftigte ihn mindestens im selben Maße. Wie hatte es der Täter geschafft, die Leichenstücke unbemerkt in die AMEK-Filialen zu schleusen. Die Aussagen der Frau im Megastore ließen ihn annehmen, dass nur eine Person mit annähernd unbeschränktem Zugang zu den für Kunden nicht vorgesehenen Räumen dazu in der Lage sein könnte. Da der Täter seine Aktion aber an mehreren Orten ausgeführt hatte, schieden die Mitarbeiter der einzelnen Filialen aus. Man müsste, dachte der Hauptkommissar, bei den Personen ansetzen, die jederzeit zu jeder Filiale Zutritt haben und nicht sonderlich auffallen, wenn sie sich dort herumtreiben. Das könnte, folgerte er, auf Lieferfahrer zutreffen, aber vor allem auf AMEK-Angestellte der Deutschlandzentrale oder gar des Hauptquartiers in Österreich. Er musste sich am Montag unbedingt eine Liste dieser Leute besorgen, so viel war klar.

Die Dunkelheit hatte sich angeschlichen, und Greiper fror ein bisschen auf seinem Terrassenstuhl. Er wechselte in die Küche, nahm eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank und leerte sie in einem langen Zug. Gleich würde Elle kommen und für ihn kochen. Und damit wäre das Wochenende eingeläutet.

publiziert am 18.01.14 in Einzelteile ¦ 527x gelesen ¦ noch kein Kommentar